Eine Frau blickt von einer Holzhütte auf bewaldete Berge im goldenen Licht der Morgensonne

Reisetrends 2026: „Weniger eine Frage des Ortes, sondern des Erlebens und Empfindens“

Schon von „Soft Apocalypse“, „Neurosurfing“ oder „Blind Booking“ gehört? Dabei handelt es sich um Reisetrends, die Jenny Southan für das Jahr 2026 identifiziert hat. Southan ist Gründerin und CEO von Globetrender, einer der weltweit führenden Agenturen für Reisetrendprognosen. Im Interview mit Lufthansa Insights verrät sie noch mehr darüber, wie und wohin wir im Jahr 2026 reisen werden

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Welche Destinationen werden 2026 besonders beliebt sein?

Reiseziele mit einer klaren Identität werden sich durchsetzen. Denn immer mehr Menschen suchen im Urlaub nach Orten, die sich unverwechselbar anfühlen. Es geht nicht nur um Sehenswürdigkeiten, sondern um die Sinnhaftigkeit von Erlebnissen. Deshalb sehe ich 2026 auch eher Nischiges wie Wanderungen auf der Via Transilvanica in Rumänien oder der Ruta de las Flores in El Salvador im Trend, ebenso Destinationen wie Oulu in Finnland, die diesjährige Kulturhauptstadt Europas.

Viele europäische Metropolen leiden unter zu vielen Besucher:innen. Welche alternativen Ziele sind im Kommen?

Wir beobachten ein weiterhin wachsendes Interesse an Destinationen, die bislang weniger im Rampenlicht standen, sogenannte Second Citys. Immer mehr Reisende entscheiden sich etwa für Bari statt Florenz oder für Antwerpen statt Amsterdam. Alles Ziele mit einer lebendigen Design- oder Gastronomieszene. Auch bei Lufthansa zeigt sich dieser Trend: Neue Ziele sind unter anderem Trondheim in Mittelnorwegen mit seiner außergewöhnlichen Restaurantszene, Posen in Polen, die kroatische Hafenstadt Rijeka sowie Tirana in Albanien. Diese Städte wirken oft intimer und authentischer als die bekannten Reiseziele, sodass man eher in den Alltag der Menschen dort eintauchen kann, was viele Reisende heute bevorzugen.

Porträtaufnahme von Jenny Southan mit blonden Locken in einem schwarzen Pullover
Sagt Reisetrends voraus: Jenny Southan, Gründerin und CEO von Globetrender (© Jenny Southan; Header-Bild © Getty Images)
Luftbild einer kleinen roten Holzhütte auf einer felsigen Insel mit eigenem Bootssteg
Aussteigen auf Zeit: Abgelegene Rückzugsorte liegen im Trend (© Getty Images)
Blick auf die bunten Häuser der Ribeira in Porto und traditionelle Boote auf dem Duero
Second Citys sind weiterhin angesagt: Viele Urlauber:innen entscheiden sich für Porto (Foto) statt Lissabon oder Antwerpen statt Amsterdam (© Getty Images)

Was sind die bestimmenden Reisetrends für dieses Jahr?

Ein weiterer Trend, der 2026 eine bedeutende Rolle spielen wird, ist die sogenannte „Endorphin-Ökonomie“. Damit sind Reisen zu Konzerten, Festivals und Sportveranstaltungen gemeint, bei denen man als Teil einer großen Menschenmenge emotionale Hochgefühle erlebt. Der dritte Trend nennt sich „Soft Apocalypse“ und steht für eine Art Aussteiger-Tourismus. Angesichts des Drucks, den das digitale Zeitalter auf uns ausübt, suchen immer mehr Menschen im Urlaub verstärkt nach Outdoor-Erlebnissen, bei denen sie sich wieder stärker selbst spüren. Etwa, indem sie lernen, wie man sich in der Natur selbst versorgt. Dies zeigt sich in der zunehmenden Beliebtheit von erholsamen Rückzugsorten wie ländliche Hütten, Bauernhöfe oder Ranches.

Set-Jetting und Bookpacking galten bereits 2025 als prägende Reisetrends. Welchen Einfluss haben Filme, Serien und Bücher 2026 auf unser Reiseverhalten?

In diesem Jahr geht es darum, vollständig in die Welt eines Films oder einer Serie einzutauchen – in ihre Atmosphäre, ihr Tempo, ihre Ästhetik. Dabei spielen das Essen, die Kleidung, das Lebensgefühl eine Rolle. Ein historisches Drama wie „Wuthering Heights“ inspiriert zu Streifzügen durch die raue englische Landschaft, während eine dystopische skandinavische Serie nordische Weiten geheimnisvoll und begehrenswert erscheinen lässt.

Vier Personen im Vordergrund stehen Arm in Arm vor einer großen Menschenmenge bei einem Festival
Immer beliebter: Reisen zu Konzerten und Festivals (© Getty Images)

Auf den Spuren welcher Serien oder Filme reisen die Menschen in diesem Jahr?

Die Drehorte des kanadischen Serien-Hits „Heated Rivalry“, eine Liebesgeschichte zweier rivalisierender Eishockeyspieler, in Ontario und Québec stehen im Fokus. Genauso wie Griechenland, wo Christopher Nolan das Epos „Die Odyssey“ gedreht hat. Übrigens liegen auch Bücher als Reiseinspiration im Trend, wir nennen das Phänomen Bookpacking. Literarische Retreats, von Autor:innen geführte Wandertouren oder Buchclubs an besonderen Orten wirken wie ein Gegenentwurf zu unserem digital geprägten Alltag.

Links: Ein Mann sitzt nachdenklich am Hang eines weiten, hügeligen Tals unter bewölktem Himmel Rechts: Eine Braut im historischen Kleid mit wehendem Schleier und Blumenstrauß vor einer Hügellandschaft
Set-Jetting: Die Verfilmung von „Wuthering Heights“ inspiriert 2026 zu Reisen in die raue englische Landschaft (© Movie Warner Bros )

Auch von Meditationsurlauben oder Schweigeretreats ist zu hören. Wie kommt es, dass Urlaub für viele Menschen immer mehr zu einer „Reise ins Ich“ wird?

Viele Menschen sind heute umfassend informiert über Themen wie Burnout, hormonelle Prozesse und die Gesundheit des Nervensystems. Reisen ist für viele deshalb eine Art Experimentierfeld für bewusste Verhaltensänderungen – von Schlafoptimierung bis hin zur gezielten emotionalen Verarbeitung persönlicher Probleme. In unseren Studien haben wir einen Trend namens „Neurosurfing“ identifiziert: Damit sind Aktivitäten wie Klangbäder, Malen oder Eisschwimmen gemeint, bei denen gezielt zwischen verschiedenen Gehirnwellenzuständen – Alpha, Beta, Gamma, Theta – gewechselt wird. Das klassische Retreat hat sich deutlich gewandelt: weg von der „Flucht“, hin zu einem bewussten Impuls für Veränderung.

Wie verändert künstliche Intelligenz die Art und Weise, wie wir Reisen planen?

Künstliche Intelligenz beschleunigt die Entscheidungsfindung, liefert Nischenempfehlungen und sorgt dafür, dass wir uns bei der Reiseplanung weniger überfordert fühlen. Sie erleichtert es uns, Reisen mit Mehrfachstopps, maßgeschneiderte Routen oder Urlaub in abgelegenen Gebieten zu planen. Das Risiko besteht darin, dass sich Reiseempfehlungen immer stärker ähneln und viele Menschen am Ende an denselben Orten landen. Zudem fehlt künstlicher Intelligenz das Gespür für Zwischentöne. Sie kann wertvolle Vorschläge liefern, erkennt jedoch nicht immer lokale Feinheiten. Richtig eingesetzt, ist sie ein verlässlicher Co-Pilot – unreflektiert genutzt, kann sie Erlebnisse hingegen verflachen.

Gleichzeitig liegen „Blind Booking“ und „Mystery-Trips“ im Trend, Reiseformen, bei denen das genaue Reiseziel erst nach der Buchung bekannt gegeben wird. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, viele Menschen sind erschöpft von den Entscheidungen, die sie täglich treffen müssen – ob im Job oder privat. Mystery-Trips oder Blind Booking nehmen ihnen zumindest mal bei der Urlaubsplanung schwierige Entscheidungen ab und bieten Überraschungen. Diese erleben Erwachsene ja nur noch selten. Reisen, bei denen man sich nicht entscheiden muss, lassen uns ein Stück weit wieder Kind sein – neugierig, offen, aufgeregt. In Finnland gibt es beispielsweise ein Busunternehmen, das Mystery-Trips quer durchs Land anbietet – und ständig ausgebucht ist.

Zur Person

Jenny Southan ist die Gründerin und CEO von Globetrender, einer der weltweit führenden Agenturen für Reisetrendprognosen. Die Trendberichte von Globetrender werden von Fachleuten aus der Reisebranche und vielen anderen Unternehmen gelesen. In ihrem Podcast „Blue Sky Thinking“ spricht Jenny Southan mit visionären Unternehmer:innen und Innovator:innen, die mit ihren Ideen die Zukunft des Reisens prägen.

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