Person sitzt in einem Flugzeugsitz und trägt eine weiße Kappe mit der Aufschrift „Recline responsibly“

Gutes Benehmen an Bord: „Verständnis wirkt Wunder“

Sie klatschen gern nach der Landung und ernten dafür schiefe Blicke? Den Kampf um die Armlehne verlieren Sie immer? Beim Fliegen gibt es einige Reizthemen – aber auch ein paar ungeschriebene Gesetze für ein gutes Miteinander im Flugzeug. Letztere hat Lufthansa nun charmant und mit viel Humor auf Kappen, Taschen und Pullis verewigt. Wir wollten es noch genauer wissen und haben bei dem Knigge-Experten und „Benimmfluencer“ Clemens Hoyos nachgefragt, wie Flugreisen für alle angenehmer werden können.

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Höflichkeit zum Anziehen: Die geheime Uniform der Flugzeug-Knigge-Expert:innen

Es gibt diesen einen Moment am Gate, in dem sich der wahre Charakter eines Menschen offenbart. Der erste Boarding-Aufruf ertönt (Gruppe eins, wohlgemerkt) und plötzlich erhebt sich die halbe Wartehalle wie bei einem Startschuss, den nur sie gehört haben. Koffer werden in Anschlag gebracht, Bordkarten gezückt, Ellenbogen diskret ausgefahren. Man könnte meinen, der Flieger drohe, ohne die Vordrängelnden zu starten. Tut er nicht. Er wartet. Auf alle.

Genau für diese kleinen, allzu menschlichen Reibungspunkte über den Wolken hat Lufthansa jetzt eine ebenso charmante wie augenzwinkernde Antwort gefunden, und zwar nicht in Form eines strengen Regelwerks, sondern zum Anziehen. Auf Pullis, T-Shirts und Caps sind die ungeschriebenen Gesetze des Fliegens gedruckt worden. Höflichkeit, könnte man sagen, wird tragbar. Und schöner: Sie predigt sich nicht, sie trägt sich einfach mit.

Mann im dunklen Anzug sitzt auf Steinstufen und blickt nach rechts
Benimmfluencer: Knigge-Experte Clemens Graf von Hoyos hat 400.000 Follower:innen auf TikTok (© Rosa Lazic; alle anderen Bilder © Murat Aslan)
Person mit Kapuzenpullover und Kappe vor einer Flughafenwand; Aufschrift auf der Kappe: „Live, love, exit by row“
Schon gewusst? Reihe für Reihe auszusteigen beschleunigt das Verlassen des Flugzeugs
Person sitzt im Flugzeugsitz; auf dem Ärmel steht „Middle seat gets the armrests“
Ungeschriebenes Gesetz: Der Person auf dem Mittelsitz gehören beide Armlehnen

Wenn Gelassenheit plötzlich stylish wird

Die entspannteste Botschaft der Kollektion: Boarding by Group Hits Different. Wer sie trägt, sendet ein leises Signal an die Welt, nämlich, dass er das Boarding längst durchschaut hat. Es ist kein Wettrennen. Es gibt keine Medaillen für die Person, die als Erste am Gate steht. Warten muss man ohnehin, die Frage ist nur, wo. Und ein Sitz an Bord ist dafür ebenso angenehm wie die Bank am Gate.

Knigge-Experte und „Benimmfluencer" Clemens Graf von Hoyos, immerhin 400.000 Follower:innen auf TikTok stark, hat es einmal treffend formuliert: „Ich bleibe seelenruhig sitzen, bis meine Boardinggruppe aufgerufen wird." Ein Satz, der auf einer Cap zu lang wäre, im Alltag aber Wunder wirkt. Denn nichts ist eleganter, als mit dem eigenen Boarding völlig im Reinen zu sein, während andere schon am Gate Stellung beziehen.

Der Sitz mit dem besten Deal

Kommen wir zur großen Gerechtigkeitsfrage der zivilen Luftfahrt, jenem stillen Kampf, der in jeder Dreierreihe ausgetragen wird: die Armlehne. Middle Seat gets the Armrest bringt es auf den Punkt und beendet die Debatte, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Die Logik dahinter ist bestechend. Die Person am Fenster darf sich anlehnen und aus der Luke träumen. Die Person am Gang streckt die Beine aus und ist als Erste beim Getränkewagen. Und wer in der Mitte sitzt, bekommt als Ausgleich dafür eben beide Armlehnen – fairer Deal, oder? Wer diese Weisheit auf der Brust trägt, muss sie im Zweifel nicht einmal mehr aussprechen. Ein Blick nach unten genügt, und der Fall ist geklärt.

Verantwortung, einige Zentimeter nach hinten

Recline Responsibly ist die vielleicht diplomatischste Message der ganzen Kollektion, denn hier schlagen bekanntlich zwei Herzen in einer Brust. Natürlich darf man seinen Sitz zurückklappen (dafür ist der Knopf schließlich da). Die Frage ist nur, ob die paar Zentimeter Neigung auf einem 30-Minuten Flug den halben Kaffee der hinteren Reihe wert sind.

Die Lösung ist entwaffnend einfach und kostet nichts: ein kurzer Blick nach hinten, ein freundliches „Ist das okay für Sie?" und schon verwandelt sich ein potenzieller Konflikt in eine kleine Geste der Rücksicht. Verantwortungsvoll zurücklehnen heißt eben nicht, gar nicht zurückzulehnen. Es heißt nur, kurz zu wissen, wer hinter einem sitzt.

Reihe für Reihe zum Ausgang

Das Ende jedes Fluges gleicht sich weltweit: Kaum steht das Flugzeug, springt die Kabine geschlossen auf und verharrt dann regungslos, weil sich naturgemäß nichts bewegt. Live, Love, Exit by Row ist die liebevolle Erinnerung daran, dass Aussteigen erstaunlich gut funktioniert, wenn es reihenweise geschieht.

Es ist eine dieser Wahrheiten, die alle kennen und die trotzdem nie jemand befolgt. Dabei geht das Verlassen der Maschine spürbar schneller, wenn man der Reihe vor sich den Vortritt lässt, statt vorzeitig in Startposition zu gehen. Von Hoyos würde hier vermutlich milde lächeln, denn wie er sagt: „Die Königsdisziplin der Höflichkeit ist, über das Fehlverhalten der anderen hinwegzublicken." Manchmal reicht aber auch schon ein gut platzierter Spruch auf einer Cap.

Applaus, wenn die Räder aufsetzen

Und dann ist da noch die große emotionale Frage, die spätestens beim sanften Aufsetzen nach zwölf Stunden über dem Atlantik aufkommt: Klatscht man eigentlich noch? Die schönste Antwort lautet: Wie man möchte. It's okay to Clap when the Plane Lands feiert alle, die spontan applaudieren. Und für alle anderen gilt genauso: It's okay not to Clap when the Plane Lands. Beides ist völlig in Ordnung.

Man hört den Applaus seltener als früher, vielleicht, weil Fliegen für viele so selbstverständlich geworden ist. Wer klatschen möchte, darf das ruhig tun, am besten im Takt und gerne mit Gefühl, als spontanes Dankeschön an eine Crew, die eine lange Schicht hinter sich und die Maschine sicher zurück auf die Erde gebracht hat. Und wer lieber still lächelt, sagt auf seine Weise ebenso Danke. Kein Muss, kein No-Go, nur eine Frage des eigenen Stils.

Höflichkeit, die man sehen kann

Am Ende sind es genau diese kleinen Dinge, die eine Reise über den Wolken angenehmer machen – für einen selbst und für alle, die zufällig in derselben Kabine sitzen. Von Hoyos benennt die Gegenspieler eines guten Miteinanders gnadenlos präzise: „Die drei Todfeinde des guten Benehmens auf Reisen sind Bequemlichkeit, fehlende Empathie und Stress."

Rückansicht einer Person mit Hoodie in einem Flughafengang; auf dem Rücken steht „Boarding by group hits different“
Knigge-Experte von Hoyos empfiehlt: „Einfach so lang sitzen bleiben, bis die eigene Boarding-Gruppe aufgerufen wird“

Gegen fehlende Empathie ist zwar kein Kraut gewachsen. Der Rest lässt sich üben und jetzt eben auch tragen. Denn gutes Benehmen ist keine Wissenschaft. Es ist nur ein Lächeln, das zufällig auf 10.000 Metern stattfindet. Und wenn es dabei auch noch gut aussieht: umso besser.

Zur Person

Der Knigge-Experte und Benimmfluencer Clemens Hoyos heißt mit vollem Namen Clemens Maximilian Stefan Graf von Hoyos Freiherr zu Stichsenstein. Er ist Vorsitzender der Deutschen-Knigge-Gesellschaft e.V., einer Vereinigung zertifizierter Trainer:innen, und ihm gehört die KniggeAkademie, an der Trainer:innen ausgebildet werden. Wie gute Manieren im Alltag funktionieren, erklärt er seinen über 400.000 Follower:innen regelmäßig auf TikTok und Instagram. Gemeinsam mit der Knigge-Trainerin Birte Steinkamp hat er 2023 den Bestseller „Anstand statt Ellbogen – Wie Sie zu dem Menschen werden, dem Sie selbst gern begegnen möchten“ geschrieben. 

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