„Von oben betrachtet hat die Welt keine Grenzen.“
Zwei Karrieren über den Wolken, eine gemeinsame Leidenschaft: Fliegen. Senior First Officer Claudia Hummel und Flugkapitän Frederik Niedner erzählen, wie die Zusammenarbeit im Cockpit funktioniert – und was sie am Fliegen bis heute fasziniert
Frau Hummel, Sie sitzen seit 19 Jahren bei Lufthansa im Cockpit, und Sie, Herr Niedner, sogar schon seit 35 Jahren. Wann haben Sie Ihre Leidenschaft fürs Fliegen entdeckt?
Claudia Hummel: Während meines Jura-Studiums, denn das war mir viel zu theoretisch. Ich erinnere mich noch gut daran, dass meine Mutter zu mir gesagt hat: Jetzt überleg dir doch mal, was du stattdessen machen willst! Das war, kurz bevor ich meinen Bruder in Frankreich besucht habe. Als ich dann im Flugzeug saß, habe ich gedacht: Fliegen, das wäre es doch!
Frederik Niedner: Das ist ja witzig: Ich habe auch Jura studiert, und mir ging es genauso. Als mir damals ein Freund erzählte, er habe den Test an der Flugschule der Lufthansa bestanden, dachte ich mir: Probiere ich es doch auch mal und schaue, was dabei herauskommt. Als es dann geklappt hat, habe ich mein Studium abgebrochen. Auch nach 35 Jahren kann ich sagen: Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Vor allem, wenn ich bedenke, was ich dank meines Jobs alles erleben durfte.
Gibt es nach so langer Zeit noch Orte auf dieser Welt, die Sie nicht gesehen haben?
Frederik Niedner: Oh ja, da gibt’s viele. Australien und viele Länder in Südamerika und Afrika sind noch weiße Flecken auf meiner Landkarte. Aber es ist schon extrem bereichernd, dass wir an so viele Orte gelangen, die man als Tourist wahrscheinlich nie besuchen würde. Vor vielen Jahren war ich zum Beispiel in Teheran und kann sagen: Ich habe fast noch nie in meinem Leben so unfassbar freundliche und interessierte Menschen getroffen wie dort. Wenn man mal unter die Leute kommt, hat man meist ein viel positiveres Bild von einem Land.
Claudia Hummel: Gerade, wenn man so wie wir häufig auf der Langstrecke unterwegs ist, kommt man mit Kulturen in Kontakt, die ganz anders sind als unsere. Je nachdem wie weit ein Ziel entfernt liegt und wie hoch unsere Flugfrequenz auf der Strecke ist, hat man dort auch länger Aufenthalt als bei Zielen in Europa. Mindestens 24 Stunden, oft aber auch 48 oder 72 Stunden.
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Welchen Moment genießen Sie besonders am Fliegen?
Frederik Niedner: Das Abheben und den Moment, wenn das Fahrwerk einfährt und es plötzlich ruhig wird im Cockpit. Dann weiß man: Jetzt beginnt die schönste Phase des Flugs. Am Boden ist es nämlich meist recht hektisch. Techniker:innen sind an Bord, die Purser haben Fragen, das Flugzeug muss betankt werden …
Claudia Hummel: Das manuelle Fliegen bringt mir besonders viel Spaß, und es ist immer wieder ein Erfolgserlebnis, eine schöne Landung hinzubekommen.
Sie betrachten die Welt oft von oben. Welche Gefühle löst das in Ihnen aus?
Claudia Hummel: Ich finde es total faszinierend, die Welt ohne Grenzen zu sehen. Aus der Luft betrachtet wird einem bewusst, dass wir alle eine Einheit sind. Besonders gern fliege ich über den Himalaya oder die Alpen. Beeindruckend ist auch der Anblick von Megastädten, die nachts wie ein gigantischer Lichterteppich wirken. Es ist schon interessant zu sehen, wo wir Menschen uns ausgebreitet haben und was das mit dem Planeten macht.
Frederik Niedner: Ich kann mich nicht sattsehen an dieser Welt. Besonders schön ist es, tagsüber von Kapstadt nach München zu fliegen. Da gelangt man von einer Klimazone in die nächste und kann beobachten, wie die Landschaft in Richtung des Äquators, wo es viel regnet, immer grüner wird. Besonders spektakulär ist der Anblick der Sahara, wenn das Licht richtigsteht. Dann kommen die vom Wind geformten Strukturen der Wüste besonders gut zum Vorschein.
Über 5.000 Pilot:innen arbeiten bei Lufthansa – da kommt es selten vor, dass das gleiche Team im Cockpit sitzt. Wie stellen sich Kapitän:in und First Officer vor dem Abflug aufeinander ein? Und was genau besprechen sie?
Frederik Niedner: Wir treffen uns zwei Stunden vor dem Abflug im Flight Operation Center zum Briefing und schauen uns die Unterlagen für den Flug an. Das ist relativ aufwendig und folgt auf die Vorbereitung, die wir bereits zu Hause gemacht haben. Aktuelle Infos über das Wetter, Unregelmäßigkeiten auf der Flugroute und am Flughafen des Reiseziels werden besprochen und nach etwa 30 Minuten entscheiden wir gemeinsam, wie viel wir tanken. Das richtet sich immer nach dem Wetter und danach, ob wir Anflugverspätungen erwarten. Anschließend besprechen wir uns mit dem Kabinenpersonal und gehen dann eine Stunde vor Abflug gemeinsam an Bord. Dann sind wir idealerweise schon ein gutes Team.
Wie sorgen Sie als Kapitän:in für eine gute Arbeitsatmosphäre?
Frederik Niedner: Der erste Eindruck ist sehr wichtig, wenn man in wechselnden Teams arbeitet. Deshalb begrüße ich vor dem Abflug jedes Crewmitglied mit der Hand, lächle die Person an und stelle mich mit meinem Vornamen vor. Sich jederzeit alles fragen zu dürfen und einander vertrauen zu können, ist sehr wichtig an Bord. Wir müssen als Crew schnell eine Einheit bilden.
Claudia Hummel: Trotzdem braucht man an Bord auch eine Hierarchie. Wer welche Rolle besetzt, erkennt man deshalb an den Streifen auf unseren Uniformen. Gleichzeitig ist es im Cockpit sehr wichtig, dass Kapitän:in und First Officer auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Gegenseitige Kontrolle ist Teil unseres Trainings.
Auf jedem Flug gibt es immer einen Pilot Flying und einen Pilot Monitoring. Wann entscheidet sich, wer welche Rolle übernimmt?
Frederik Niedner: Das entscheiden wir beim Briefing. Auf sehr langen Strecken sitzen wir ja sogar zu dritt im Cockpit. Deshalb fragen wir jedes Mal vorher in die Runde: Wer braucht eine Landung? Wir müssen in 90 Tagen immer drei Landungen machen. Derjenige, der fliegt, macht den Start und die Landung. Auch Kapitän:innen können „Pilot Monitoring“ sein. Das heißt: Ich funke, ich arbeite zu, ich überwache und tue alles, um den fliegenden Pilot:innen das Leben so einfach wie möglich zu machen.
Auf welchen Strecken sitzen drei Pilot:innen im Cockpit?
Frederik Niedner: Flüge an die Ostküste der USA oder Indien machen wir zu zweit. Alle Ziele, die weiter entfernt liegen, machen wir zu dritt, damit sich zwischendurch immer einer von uns ausruhen kann. Zu diesem Zweck gibt es hinter dem Cockpit ein Bett. Vor allem bei Nachtflügen tut es gut, mal ein paar Stunden die Augen schließen zu können.
Als Fluggast sieht man nicht, wer vorn im Cockpit sitzt. Wie wichtig sind deshalb die Durchsagen an Bord?
Frederik Niedner: Eine entspannte Stimme, die etwa bei Turbulenzen vermittelt, dass alles in Ordnung ist, ist auf jeden Fall wichtig.
Claudia Hummel: Wenn viel Verkehr an einem Flughafen ist oder wir einmal durchstarten müssen, kann es mal einen Moment dauern, bis wir uns aus dem Cockpit melden. Trotzdem achten wir immer darauf, Gäste bei Unregelmäßigkeiten zu informieren.
Stimmt es eigentlich, dass Kapitän:in und First Officer vor dem Abflug nicht das Gleiche essen dürfen?
Frederik Niedner: Zu Hause kann jeder essen, was er mag. Aber während des Fluges essen wir nie das Gleiche. Das ist sogar so vorgeschrieben.
Frau Hummel, kam es schon einmal vor, dass Sie mit einer anderen Frau im Cockpit gesessen haben?
Claudia Hummel: Das ist schon ein paarmal passiert – auf der Kurzstrecke sogar häufiger. Auf der Langstrecke gibt’s allerdings noch nicht so viele Flugkapitäninnen.
Als ich angefangen habe, waren rund sieben Prozent der Pilot:innen bei Lufthansa weiblich. Seitdem ist dieser Anteil nur leicht angestiegen. Trotzdem hat es sich für mich von Anfang an ganz normal angefühlt, in diesem Beruf zu arbeiten. Nur ganz am Anfang meiner Karriere, als ich erst 23 Jahre alt war, hat mich mal ein Gast beim Austeigen gefragt, ob ich schon einen Führerschein habe. Darauf habe ich geantwortet: „Nee, aber den brauche ich auch nicht, denn ich fliege ja schon dieses Flugzeug.“
Zur Person
Senior First Officer Claudia Hummel arbeitet seit 2007 bei Lufthansa. Erst bei Lufthansa Cityline im Avro RJ85 auf der Kurzstrecke und heute bei Lufthansa im Airbus 350 auf der Langstrecke. Die Mutter von drei Kindern ist seit 2025 auch im Training von Pilot:innen tätig. Junge Frauen möchte sie ermutigen, ihren Beruf zu ergreifen. Auch, weil sich die Arbeit als Pilotin gut mit dem Familienleben verbinden lässt: „Ich habe drei Kinder und genieße es, dass in meinem Beruf Arbeit und Privatleben klar voneinander getrennt sind“, sagt Claudia Hummel. „Wenn ich zu Hause bin, habe ich frei und bin mental voll und ganz für meine Kinder da.“
Flugkapitän Frederik Niedner begann seine Karriere 1992 als First Officer bei Lufthansa. Seit 2006 ist er Kapitän und bildet seit 2009 neue Pilotinnen und Piloten auf verschiedenen Mustern aus. Aktuell ist er als Chief Training Captain A350/A380 für das Cockpit-Training der Langstrecke in München verantwortlich.