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Buenos Aires - Wo das Herz bis zum Horizont schlägt

Patagonien gehört zu diesen legendären, fast geheimnisvollen Reisezielen. Schon der Klang des Namens malt Bilder von endloser Weite, von Vulkanen und Gletschern, von Abenteuer und Freiheit. Ein experimenteller Roadmovie über Wind, Eis, lange Busfahrten – und einen Mythos, der sich selbst beim näheren Hinsehen als ausgesprochen prüfungsresistent erweist.

 
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Wo das Herz bis zum Horizont schlägt

Hier ist der Wind zu Hause: Er stürmt vom Eis der Antarktis heran, türmt die Wellen im Beagle-Kanal, und wenn er erst einmal die Ausläufer der Anden hinter sich hat, ist da nichts mehr, was ihn aufhalten könnte. Dann jagt er zwischen den Bergen hindurch in die Ebenen, kämmt das Pampagras, rüttelt an den Bäumen, fährt den grasenden Guanakos in die Wolle. Schließlich schießt der Wind hinauf in die Wolken, wo die Hörnergipfel des Nationalparks Torres del Paine bis gerade eben hinter einer Wattewand verborgen waren. Dort sucht er sich eine Lücke, der Wind, findet sie, drängelt sich hinein, schubst und knufft und fegt in fünf Minuten das Gewölk auseinander.


Torres del PaineWo die patagonische Steppe auf schroffe Gipfel trifft, liegt der Nationalpark Torres del Paine. Die "himmelblauen Türme" sind bis zu 3050 Meter hoch

Und dann? Dann sitzt man da auf seiner Reise durch Patagonien, schaut hinüber zu den Gipfeln und weiß mal wieder nicht, was man sagen soll. Fehlt bloß noch, dass eine dieser hymnischen Fanfaren einsetzt, die im Kino bei solchen Bildern immer kommen. Stattdessen hört man: das Knistern von Staniol. Südamerikas Schokoladenhersteller verpacken ihre Ware sorgsam, bei den immensen Temperaturunterschieden hier ist das wichtig. In dieser Ecke der Welt kann es zu Beginn einer Trekkingpause eiskalt sein und knallheiß, wenn man wieder aufbricht. Patagonien ist ein Land der Extreme. Das Wetter macht, was es will. Die Dimensionen sind kaum zu fassen. Und die 360-Grad-Panoramen wirken, als hätte einem jemand soeben sanft von hinten in die Kniekehlen gekickt. Jetzt ist da auch noch so ein komischer Kloß im Hals. Muss an der Schokolade liegen.

Das beste Verkehrsmittel in diesem Teil der Welt ist eindeutig der Bus. Busse bringen einen fast überallhin, über Berge, über Staatsgrenzen, und huckepack auf der Fähre auch über Meeresarme. Mindestens aber über Rumpelpisten, die in Westeuropa ausschließlich für landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge freigegeben würden.
Als Passagier schaut man dann entweder spanischsprachige Videos in den Fernsehern, die über den Sitzen hängen. Oder man schaut aus dem Fenster. Da kommt aber meistens: nichts. Stundenlang.

Beagle-KanalStürmische Zeiten: Ein schroffer Südwind weht von der Antarktis über den Beagle-Kanal, wo er die Wasseroberfläche aufwühlt. An Land modelliert er sogar die Form der Bäume

Die Landschaft zieht vorbei wie ein sehr elitärer Experimentalfilm. Man sieht keine Tiere, man sieht keine Pflanzen, und Menschen erst recht nicht. Deswegen lässt es sich prima nachdenken im Bus. Über den Mythos Patagonien zum Beispiel.

Es sind ja nicht nur die Steppen und die Gipfel und auch nicht der wütende Wind, schon gar nicht das bloße Krachen des Meeres an der Kaimauer, wenn man vom "Mythos Patagonien" spricht. Es ist eher all das, was man nicht wirklich festmachen kann.

Etwas, das vor der Reise eigentlich nur in vagen Vorstellungen existierte und sich unterwegs auch nicht so richtig greifen lässt - von dem man aber weiß, dass es mit zerzausten Haaren zu tun hat, mit Salzwasserspritzern im Gesicht. Mit dem Wiehern von Pferden und dem Schatten, den ein Kondor wirft, wenn er über einen hinweg fliegt. Mit dem blauen Glitzern einer Gletscherwand und dem dumpfen Plocken von Hufen auf Steppengras und dem karmesinroten Korridor, den eine tief stehende Sonne auf einen Gebirgssee zaubert.

Patagonien hat die doppelte Staatsbürgerschaft, ein Teil liegt in Argentinien, der andere in Chile, und wenn da nicht mal zwischendrin ein kleines Grenzhäuschen in der Pampa stehen wüˆrde, bekäme man auf seiner Fahrt über die staubigen Pisten gar nichts mit von den ständigen Länderwechseln. Einsam ist es hier nämlich überall. "Die Ebenen Patagoniens sind grenzenlos", hat Charles Darwin 1836 geschrieben, "ihnen haftet der Anschein an, schon seit ewigen Zeiten so zu sein." Vielleicht ist es ja auch das, was wir heute spüren. Vielleicht ahnen wir ja unsere eigene Vergänglichkeit in dieser allumfassenden Leere. Und unsere Winzigkeit. Kann schon sein.

UshuaiaBei schlechtem Wetter öffnet sich in Ushuaia die Pforte zu Teufels Küche, an sonnigen Tagen wirkt die Stadt mit ihren steilen Straßen wie ein feuerländisches San Francisco

Es kann auch sein, dass diese Landschaften einen ganz besonderen Menschenschlag anziehen. Im Bus sitzen durchtrainierte Kalifornier, die hier irgendeinen Speed-Trekking-Rekord brechen wollen. Wehrdienstflüchtige aus Israel mit derart großen Kopfhörern, dass man ihre Gesichter kaum sieht. Außerdem drei Ornithologen aus England, ein holländisches Paar auf Weltreise. Und zwei Deutsche. Alle rumpeln sie Stunde um Stunde mit diesem Bus durch dieses Land. Der Mythos weiß übrigens nichts von Nackenschmerzen und Bandscheiben, die bei jedem Schlagloch jubilieren. Andererseits macht es ihm auch nicht viel aus. Anderswo auf der Landkarte der Sehnsuchtsorte erweist er sich in der Regel ja als nicht sonderlich prüfungsresistent und lässt sich oft schon kurz nach der Ankunft in Enttäuschung auf. In Patagonien ist das anders. In Patagonien hat man sofort das Gefühl, dass der Mythos tatsächlich der Wirklichkeit entspricht.

PatagonienIn Patagonien sind die Entfernungen oft riesig, und selbst kürzere Distanzen lassen sich auf den schlechten Straßen des Lands nur mühsam zurücklegen. Am besten und bequemsten kommt man noch mit dem Überlandbus voran

Was auch mit den Naturwundern des Nationalparks Los Glaciares zu tun hat: Wenn man an Gletscher denkt, fallen einem ja meistens diese traurigen Eisflächen in den Alpen ein, aber die sind, verglichen mit dem patagonischen Perito-Moreno-Gletscher, ein Witz. Der schimmert nämlich unwirklich blau. Er liegt auch nicht einfach so da, sondern er schwitzt und keucht und ächzt. Wenn die nächste Eiswand von der Größe eines Plattenbaus abbricht, ist es für einen Moment völlig still.

Dann kracht das Eis aufs Wasser des Sees Lago Argentino, kurz darauf erreicht eine Schallwelle die Trommelfelle, und wenn man nah genug dran ist, hallt es noch einige Sekunden irgendwo da drinnen in einem nach. Man wird ganz still und horcht, wartet auf das nächste Grollen. Von der Aussichtsplattform aus ist das besser als jeder Kinofilm. Da muss man gar nicht noch näher an die Leinwand.

Am letzten Tag der Reise kreuz und quer durch Patagonien führt sich das Wetter dann auf, als hätten sich die vier Jahreszeiten bei einer Party getroffen, wären furchtbar versackt und tags darauf immer noch ziemlich durcheinander. In der Pinguinkolonie Seno Otway jedenfalls passiert alles innerhalb einer Stunde: Zuerst hagelt, schneit und schüttet es in schneller Folge, zwischendrin knallt die Sonne derart, dass es den ersten Sonnenbrand gibt. Dann beginnt es gleichzeitig zu stürmen und zu regnen, mit Tropfen, die sich allmählich in kleine Eismesserchen verwandeln und zum Glück nur sehr langsam fallen.

Wildnis PatagonienJeder so, wie er mag: Die Wildnis Patagoniens kann man nicht nur erwandern. Besondern stilecht lässt sich das Land vom Rücken eines Pferds aus erkunden. Wer lieber auf Stahlrösser setzt, leiht sich vor Ort ein Mountainbike aus

Und weil es gerade so gut passt, spannt sich auf dem Meer dann ein Regenbogen vor violettes Gewölk. Wenn es nicht so kalt wäre man würde sich glatt zu den Pinguinen setzen, einen Weinbrand mit ihnen trinken und zusammen in den Himmel schauen.

Perito MorenoIn Patagonien gilt er als Gletscher aller Gletscher: Der Perito Moreno ist 74 Meter hoch, fünf Kilometer breit und unendlich schön. Regelmäßig brechen riesige Platten vom Rand des Gletschers in den See Lago Argentino ab

"Sie waren in Patagonien?" fragt später die Rezeptionistin im Pionera Hotel, das laut Reiseführer mitten in Patagonien steht. Auch das macht den Mythos dieses Lands aus: Man weiß nicht wirklich, wo es ist. Für die einen gehört alles dazu, was südlich von Santiago liegt. Andere lassen es erst tausend Kilometer weiter südlich beginnen; manche zählen Feuerland, die Tierra del Fuego, mit dazu, manche wieder nicht. Wenn man aber die Menschen in Patagonien fragt, wo Patagonien liegt, dann sagen sie: Patagonien ist da, wo ich lebe. Die Landschaft muss nur bis zum Horizont reichen, und das Herz muss schlagen.

 
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Tipps:

Nationalpark Torres del Paine:
Der Nationalpark Torres del Paine ist ein Paradies für Wanderer, auf der W-Route lässt sich das gleichnamige Massiv in vier Tagen umrunden. Die zu Füßen der Gipfel liegenden Gletscher sollte man allerdings nur mit ortskundigem Führer betreten.

Info:
Nationalpark Torres del Paine: www.parquetorresdelpaine.cl (Englisch und Spanisch)

Museum des Endes der Welt:
In Ushuaia erzählt das Museo del Fin del Mundo („Museum des Endes der Welt“) die Geschichte Feuerlands: Von den ersten indianischen Besiedlungen ums Jahr 10.000 vor Christus über die erste Entdeckung durch einen Europäer (Ferdinand Magellan) bis in die Gegenwart.

Info:
Museo del Fin del Mundo: Avenida Maipú 173, Ushuaia, Tel.: +54-2/901 42 18 63

Reederei Navimag Ferries:
Die chilenische Reederei Navimag Ferries bietet spektakuläre Kreuzfahrten durch die Magellanstraße und entlang der patagonischen Küste. Fähren verkehren beispielsweise zwischen Puerto Montt im Norden und Puerto Natales im Süden, unterwegs lassen sich Fjorde, Gletscher und Eisberge bestaunen.

Info:
Navimag Ferries: Tel. +56-2/442 31 20, www.navimag.com

Hotel Salto Chico:
Manche Leute behaupten, das Hotel Salto Chico sei Patagoniens schönste Herberge. Die drei Gipfel der Torres del Paine geben hier eine grandiose Kulisse ab, die spektakuläre Landschaft lässt sich auch auf hoteleigenen Pferden erkunden.

Info:
Hotel Salto Chico: Im Nationalpark Torres del Paine (51º07’S, 73º10’W), Tel. +56-2/395 28 00. www.explora.com

Hotel Tierra de Leyendas:
Am Ortsrand von Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens, punktet das Hotel Tierra de Leyendas mit herzlicher Gastfreundlichkeit und einem grandiosen Blick auf den Beagle-Kanal.

Info:
Tierra de Leyendas: Calle Tierra de Vientos 2448, Ushuaia, Tel. +54-2901/44 65 65. www.tierradeleyendas.com.ar

Hotel IF Patagonia:
Von wegen Hinterwäldler: Im chilenischen Puerto Natales bietet das sorgfältig gestaltete Hotel IF Patagonia helle Zimmer, viel Kunst und eine wunderbare Terrasse.

Info:
Hotel IF Patagonia: Magallanes 73, Puerto Natales, Tel. +56-61/410 312. www.hotelifpatagonia.com

 

Fotos: Corbis, Azam/Raach/Escudero/laif (5), LOOK-foto

 
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