Thema des Monats - Berge

 

Lufthansa Highlights Reisebericht Innsbruck

 

Innsbruck - So riecht das Glück

Runter vom Bürosessel, rauf auf die Wiese: Manche Bergbauernhöfe in Südtirol können nur überleben, weil freiwillige Helfer bei der Heuernte mit anpacken. Wie fühlt es sich an, wenn man den Rechner gegen den Rechen tauscht? Unser Autor Gunnar Herbst, beim Lufthansa Magazin für das Ressort Reise verantwortlich, probte den Ausstieg auf Zeit.

 
top

So riecht das Glück

Im Büro fallen die Probleme nicht vom Himmel. Sie kommen durchs Telefon oder per Mail, sie tauchen in Konferenzen auf oder im Zimmer des Chefs. In den Bergen ist das anders. Da prasseln sie in dicken Tropfen auf die Wiese. So wie gestern Abend, als der Regen das trocknende Heu durchnässte. "Dann schauen wir mal, wie heute das Wetter wird", sagt Reinhold Knapp und richtet seinen Blick in den blau-weißen Himmel. Obwohl der Mann keinen Small Talk mag, spricht er oft über das Wetter. Weil es seine Arbeit bestimmt, seine Existenz, sein Leben.

Reinhold Knapp ist Bergbauer. Zusammen mit seiner Mutter Herta bewirtschaftet er den Körbleggerhof bei Mühlwald im Nordosten Südtirols. Er hat gelernt, mit dem Wetter, dieser launischen Gewalt, zu leben: "Man muss es so nehmen, wie es kommt, und das Beste draus machen." Es ist noch nicht lange her, da wünschte sich Reinhold Regen, damit das Gras wächst. Jetzt, Ende Juni, braucht er Sonne. Bis Oktober hat der Südtiroler Zeit, die Scheunen mit Heu zu füllen, dem Winterfutter für die Kühe. Nach und nach mäht er das hohe Gras auf den acht Hektar großen Wiesen rund um den Hof und auf der Alm, lässt es in der Sonne trocknen, wendet es, lockert es auf, legt es in Bahnen und fährt es ein. Im Idealfall. Doch der Idealfall kommt in den Bergen selten vor.

So riecht das GlückHart arbeiten, weich liegen: Mit einem Balkenmäher schneidet Reinhold Knapp das Gras, während ein Helfer im Heu Kräfte sammelt

Wenn es regnet, muss Reinhold wieder von vorne anfangen. Während der Heuernte hilft die Familie: Reinholds Bruder Albert, seine Onkel Erich und Richard, dessen Frau Antonia. Weil das nicht reicht, vermittelt der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) in Südtirol dem Körbleggerhof freiwillige Helfer. Im Büro hat das Glück keinen Klang, keinen Geschmack, keinen Geruch. In den Bergen ist das anders. Da klingt es nach Vogelgezwitscher und dem Rauschen eines Flusses im Tal. Es schmeckt nach frischem Quellwasser. Und es riecht: nach Heu. Drei Tage lang tausche ich die Großstadt gegen die Berge, das Büro gegen den Bergbauernhof, den Rechner gegen den Rechen. Gegen Kost, Logis und Erholung.

So riecht das GlückEinmal Landluft schnuppern: Statt im Büro zu arbeiten, hilft Autor Gunnar Herbst Bergbauer Richard Knapp bei der Heuernte

Normalerweise sitze ich den ganzen Tag am Computer. Schreibe, telefoniere, maile, oft gleichzeitig, gehetzt von Terminen und Deadlines. Jetzt stehe ich auf einer großen Wiese und mache meine ersten Gehversuche als Bergbauer, genau wie Karl-Heinz Bier, Polizeioberkommissar aus Trier, und Gisela Keller, selbständige Sozialberaterin aus Frankfurt. An manchen Stellen fällt der Boden so steil ab, dass ich Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten. Mit einer Heugabel wende ich das Gras, das Reinhold gestern gemäht hat, und verteile es über den Boden.

Quadratmeter für Quadratmeter arbeite ich mich vor, von unten nach oben, von rechts nach links. Heben, wenden, fallen lassen, ganz gleichmäßig. Ich denke: an nichts. Die Arbeit fordert den Körper, der Kopf hat Urlaub. Endlich!

Hin und wieder halte ich kurz inne. Lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Schaue über die felsigen Bergriesen, auf deren Gipfeln der letzte Schnee liegt. Schließe die Augen, atme tief durch. Heu! Ich kann mir keinen schöneren Duft vorstellen.
Als die Sonne hoch am Himmel steht, gehen wir zurück zum Hof. Gina, die Hündin, bellt uns entgegen, fünf Hühner laufen wie eine Bande Halbstarker über den Rasen. Allen Gesetzen der Schwerkraft trotzend, kleben das 200 Jahre alte Wohnhaus und die Scheune in 1600 Meter Höhe am Berg, umrahmt von Wäldern und Wiesen. Eine Welt für sich. Eine Postkartenidylle.

So riecht das GlückGanz schön schräg: Von Wolken und Wiesen umgeben klebt der Körbleggerhof 1600 Meter hoch am Berg

Doch Reinhold und Herta müssen hart arbeiten, um von ihren acht Milchkühen leben zu können. Die geben rund 100 Liter pro Tag, für jeden Liter bekommen die Knapps 40 Cent. Dafür stehen sie im Sommer um sechs Uhr auf und arbeiten bis zu 15 Stunden am Tag: Kühe melken und füttern, Ställe ausmisten, Heu ernten. "Auf dem Hof gibt es immer etwas zu tun", sagt Reinhold. Die Arbeit hat seinen Rücken gekrümmt, die Hände gezeichnet, die Muskeln gestählt. Es wäre nicht leicht, Reinhold zu erklären, warum Menschen ins Fitness-Studio gehen. In der Küche stellt Herta das Mittagessen auf den Tisch: Pressknödel mit Kartoffeln und Weißkohl, dazu Wasser und Holundersaft. Die meisten Zutaten kommen aus dem eigenen Garten. Heute Morgen hat Herta 60 Laibe Brot gebacken, genug für den nächsten Monat. "Zufrieden muss man mit dem sein, was man hat", sagt Herta und lächelt. Ein Zopf umrahmt ihren Kopf, ihre Bewegungen sind langsam und bedächtig.

So riecht das GlückAus gutem Stall: Morgens und abends melkt Bergbauer Reinhold Knapp die Kühe. Im Sommer zieht er mit ihnen auf die Alm

Manche sagen, Herta hat wenig. Vor fünf Jahren starb ihr Mann bei der Heuernte. Mit seiner Ape, einem dreirädrigen Kleintransporter, stürzte er auf der Alm einen Steilhang hinab. Seitdem sind Herta und Reinhold auf sich allein gestellt, eine Frau hat der Sohn nicht gefunden. Herta hat noch nie Urlaub gemacht, ihre weiteste Reise führte sie zu ihrer Schwester ins Zillertal.

So riecht das GlückBäuerliches Idyll: Vor der Scheune füttert Herta Knapp die Hühner, die auf dem Hof frei herumlaufen

Andererseits hat Herta viel. "Ich liebe die Natur und die Ruhe hier oben." Und sie ist gern Bäuerin. "Es gibt nichts, was ich lieber täte. Auch wenn es nicht immer einfach ist."

Nachdem Reinhold den letzten Bissen gegessen hat, springt er auf und läuft zur Wiese. In der Ferne blitzt und donnert es, dunkle Wolken hängen über den Gipfeln. Jetzt muss es schnell gehen. Alle helfen, auch Herta. Mit dem Rechen legen wir das Heu zu Bahnen, die Erich und Richard mit Transportern aufnehmen. Ich schwitze, das Herz pocht mir bis zum Hals. Doch ich würde mit niemandem auf der Welt tauschen wollen. Am frühen Abend ist das Heu eingefahren. Ein paar Stunden später zieht ein Gewitter über den Körbleggerhof, kurz darauf beginnt es zu regnen. "Heute war ein guter Tag", sagt Herta beim Abendbrot. Wir reden kaum. Die Arbeit steckt uns in den Knochen. Aber es fühlt sich gut an, etwas geschafft zu haben. Ich schlafe traumlos, bis mich Hahnenschreie wecken. Am Morgen helfe ich Reinhold im Stall. Wasche die Milchkannen aus. Verteile frisches Gras und Heu in der Scheune, jäte Unkraut. Gehe aufs Feld, um Heu zu wenden.

Nichts lenkt mich ab. Vielleicht liegt auch darin der Reiz der Arbeit: Ich kann mich auf eine Aufgabe zurzeit konzentrieren, ohne Stress und Termindruck. Erst wenn sie erledigt ist, folgt die nächste. Am Nachmittag wollen wir Heu auf der Wiese einfahren. Doch ein Transporter verliert Öl, Polizist Karl-Heinz und Reinhold reparieren die undichte Leitung. Als sie fertig sind, kommt der Regen. "Es war alles umsonst, was wir am Vormittag gemacht haben", sagt Reinhold. "Damit muss man umgehen können." Bevor die Sonne das Heu nicht wieder trocknet, werden wir nicht mehr auf dem Feld arbeiten.

So riecht das GlückDie Milch macht's: Autor Gunnar Herbst hat an der vollen Kanne schwer zu tragen

Im Büro drehen sich viele Träume um Karriere und Geld, um Beförderungen und Gehaltserhöhungen. In den Bergen ist das anders. Da wachsen die Träume nicht in den Himmel. Reinhold, was wünschst du dir? Reinhold schweigt. Darüber habe ich eigentlich noch nie nachgedacht", sagt er schließlich, "vielleicht, dass das Heu schon im Juli in der Scheune ist und nicht erst im Oktober." Am Morgen meiner Abreise habe ich Muskelkater in den Armen, meine rechte Schulter schmerzt, meine Hände sind voller Schwielen schöne Souvenirs, denke ich, denn ich kann sie nirgendwo kaufen. Ich fühle mich erholt, gestärkt, voller Energie. Alles ist friedlich. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint. Ein guter Tag zum Heuernten. Ich lege meine Uhr an, die meinen Arm wie eine Handschelle umschließt. Drei Tage lang habe ich keine Mail gelesen, kein Telefonat geführt, kein Internet genutzt, keinen Termin gehabt. Ich habe es nicht vermisst.

 
top

Tipps:

Bergbauernhilfe in Südtirol:
Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) vermittelt Helfer für Arbeiten auf Bergbauernhöfen, die aufgrund ihrer Lage und der familiären, gesundheitlichen oder sozialen Situation ihrer Besitzer auf Hilfe angewiesen sind. Die Einsätze dauern eine Woche bis drei Monate, gute Fitness ist Voraussetzung. Für ihre Arbeit bekommen die Helfer Kost, Logis, Haftpflicht- und Unfallversicherung, nur die Anreise müssen sie selbst bezahlen.

Info:
Verein Freiwillige Arbeitseinsätze, Kanonikus-Michael-Gamper-Straße 5, Bozen, Tel. +39-0471/99 93 09. www.bergbauernhilfe.it (Deutsch und Italienisch)

 

Fotos: Samuel Zuder (7)

 
top


Weitere Reiseinformationen