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Boston - Freier Gang für freie Bürger!

Als die Piloten das letzte Mal in irrwitzigem Tempo durch die Haarnadelkurven in der Wüste rasten, auf der Zielgerade zu riskanten Überholmanövern ansetzten, mit 800 PS unter der Brücke hindurchdonnerten, die beide Hälften des Yas Hotel verbindet – da war nicht viel los im Spa dieser schneeweißen Luxusherberge direkt über der neuen Formel-1-Rennstrecke von Abu Dhabi. Nur eine Dame mittleren Alters ließ sich in einem abgedunkelten Raum bei Sphärenklängen und Kerzenschein massieren, von dem Lärm da draußen wollte sie buchstäblich nichts hören.

„Es war die Mutter von einem der Rennfahrer“, erzählt Aoibheanna Bonner, die das Hotel-Spa leitet, „sie hatte Angst um ihren Sohn.“ Ob sie sich noch an dessen Namen erinnere? „Natürlich“, sagt sie – und schweigt lächelnd. Diskretion ist wichtig in den Luxushotels am Golf, die allenthalben aus dem Wüstensand wachsen. Auch in Abu Dhabi sind sie Teil des Masterplans für die Zukunft: weg vom Öl, hin zur Dienstleistungsgesellschaft, zum Tourismus. Ein wichtiger Baustein ist dabei der Rennsport – weil er die Massen bewegt und für Tempo, Dynamik, Siegeswillen und Markenbewusstsein steht. Genau die Werte, die auch die Emiratis so lieben. Doch wo bis vor wenigen Jahren kaum etwas anderes als Sand war, müssen jene Attraktionen erst entstehen, die Besucher aus aller Welt anlocken sollen.

Sie wachsen in atemberaubender Geschwindigkeit. Es scheint, als hätte Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate und zugleich das mit Abstand reichste dieser Scheichtümer, über Nacht eine neue Skyline bekommen – eine aus Glas, Stahl und Beton, gestaltet von internationalen Star-Architekten. Besagtes Yas Hotel mit seiner futuristischen Wabenstruktur und den ausgeklügelten Beleuchtungseffekten für die Fassade gehört zu den jüngsten baulichen Ausrufezeichen des Wüstenstaates. Und im Moment sind die prominentesten Architekten der Welt dabei, die Vision des neuen Abu Dhabi in die Wirklichkeit zu überführen. So gestaltet der Franzose Jean Nouvel gerade eine Filiale des Louvre auf der Museumsinsel Saadiyat. Das Kuppeldach soll von verzierten Öffnungen durchsetzt sein, durch die Tageslicht ins Innere fällt.

Auch der Freedom Trail war zerschnitten, einige Abschnitte führten unter der Schnellstraße hindurch. „Viele Besucher drehten an der Central Artery einfach um“, erinnert sich Murray. Seit 1982 plante Boston, die Autobahn unter die Erde zu legen, neun Jahre später gab es den ersten Spatenstich: Die Stadt baute einen zusätzlichen Tunnel zum Flughafen, der heute den Verkehr erst weit weg vom Zentrum wieder an die Oberfläche lässt.Die Gesamtkosten des Big Dig beliefen sich auf 14,6 Milliarden Dollar. Auf dem Höhepunkt der Bauarbeiten waren 5000 Menschen mit dem Projekt beschäftigt. 2004 wurden die letzten Teile der Stelzenautobahn abgebaut.

Ende 2007 endeten die Bauarbeiten offiziell, dann waren die Gärtner und Landschaftsplaner am Zuge. „Die historische Struktur der Stadt wurde wiederhergestellt“, freut sich Murray, „die Innenstadt ist sogar noch schöner geworden.“ Heute führen die roten Backsteine durch die historische Marshall Street und weiter an einem Blütenmeer vorbei, wo einst die Central Artery war, ist ein kilometerlanger Park entstanden, mit Ahornbäumen und Eichen, Bänken, Kunst und Springbrunnen. Auch Bostons Trolleys gondeln dort entlang, die Sightseeing-Busse sehen aus wie historische Straßenbahnen. Ganz in der Nähe, an der Ecke Clinton Street und Commercial Street, hat man einen riesigen Eisenträger erhalten, als Denkmal, olivgrün, mit mächtigen Nieten. Tausende dieser Pfeiler stützten früher die Stadtautobahn.

Hinter dem Quincy Market, auf dem seit 200 Jahren Boston Baked Beans und traditionelle Muschelsuppe verkauft werden, dreht sich jetzt ein Kinderkarussell. Möwen kreisen am Himmel. Statt nach Abgasen riecht es jetzt nach Meer. „Bin ich froh, dass das Ding weg ist“, sagt Thomas Nally, Planning Director von „A Better City“. Die Organisation hat mehr als 100 Mitglieder: Hotel- und Restaurantbesitzer, Museumsdirektoren, Kaufleute, Immobilienmakler. „A Better City“ war eine der treibenden Kräfte hinter dem Großen Graben.

„Durch den Tunnelbau hat die Lärm- und Kohlendioxid-Belastung in der Innenstadt deutlich abgenommen“, sagt Nally, „und die Stadtteile, die abgeschnitten waren, blühen tatsächlich auf.“ Das beste Beispiel, findet er, sei das North End, das älteste Viertel Bostons. Also weiter den Backsteinen hinterher, der Geschichte auf der Spur.

Vor dem Paul Revere House, erbaut um 1680, drängen sich die Besucher. Das Haus mit Holzschindeln, Klappläden und Butzenscheiben ist eines der ältesten der Stadt, die englische Puritaner 1630 gegründet hatten.

Vier Jahre später wurde Boston Common eröffnet, der erste öffentliche Park der USA, 1635 die erste Lateinschule, 1636 die Harvard University, die erste Universität Amerikas. Am 16. Dezember 1773 warfen aufgebrachte Bewohner aus England importierten Tee ins Meer, für den die Kolonie hohe Steuern zahlen sollte. Mit ihrer Tea Party lösten sie den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg aus. Nach der Gründung der USA war Boston eine der reichsten Hafenstädte der Welt und die größte und bedeutendste Stadt Amerikas.

Auch in die historischen Piers ist nach dem Big Dig neues Leben eingezogen, ebenso in den alten Hafen und den Seaport District gleich daneben. Jachten schaukeln im Wasser, Bars und Restaurants laden in die frisch renovierten Lagerhäuser. Ein spektakulärer Neubau im Seaport District beherbergt nun das 1936 gegründete Institute of Contemporary Art. All das spricht sich herum und lockt viele neue Besucher an. Gäste aus Europa, die früher für einen Kurzurlaub nur nach New York kamen, reisen heute auch nach Boston, um ein paar Tage lang Geschichte zu schnuppern – oder einzukaufen. Auf der Newbury Street, Bostons schicker Einkaufsmeile, haben zahlreiche Geschäfte, die auch auf der Fifth Avenue zu finden sind, ihre Filialen.

Ein weiterer guter Grund für einen Abstecher: Hotels und Restaurants in Boston sind deutlich billiger als die in New York. Auch Architekt Hubert Murray hat in Boston eine neue Spezies von Gästen ausgemacht: „Seitdem der Big Dig abgeschlossen ist, kommen Besucher aus Städten mit ähnlichen Problemen.“ Architekten, Stadtplaner, Abgeordnete aus Seattle, Barcelona, Oslo und dem japanischen Kobe wandern nun den roten Backsteinen hinterher und schauen sich an, wie Bostons Stadtgefüge wiederhergestellt wurde. Da können sie was lernen.

 
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