Thema des Monats - Abenteuer

 

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Delhi - traumhaft abenteuerlich!

Keine Frage - eine Reise durch Rajasthan ist ein Frontalangriff auf die Sinne. Im flächenmäßig größten Staat Indiens warten erdbeereisfarbene Städte, prächtige Paläste. Elefanten, die einem Gemälde gleichen. Und Landschaften, die mit dem bloßen Auge kaum zu fassen sind.

 
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Traumhaft abenteuerlich!

Manchmal träume ich von Rajasthan. Das geht mir nicht bei vielen Reisezielen so - Rajasthan aber scheint sich irgendwo im Großhirn festgehakt zu haben. Da sitzt es nun und wartet auf die Chance, sich alle drei, vier Wochen nachts in meine Träume zu mogeln. Übrigens nicht heimlich, still und leise, sondern eher mit indischer Grandezza: In meinen Rajasthanträumen ziehen Kamelkarawanen durch die Wüste, trompeten bunt bemalte Elefanten, salutieren säbeltragende Reiter. Manchmal spiegelt sich eine tief stehende Sonne auf Palastseen glatt wie Glas, und ein Mann im Turban serviert einen doppelten Gin Tonic mit viel Eis.

Traumhaft abenteuerlich!Gigantisch: In das Amber Fort von Jaipur kann man sich von einem Elefanten tragen lassen

Die Traumforschung sagt ja, dass man nachts im Schlaf gern Eindrücke verarbeitet, die nicht komplett bewältigt wurden. Wenn das stimmt, sind meine Träume von Rajasthan nicht wirklich verwunderlich. Eigentlich müsste ich dann noch viel häufiger davon träumen. Dieses Land ist ein Frontalangriff auf die Sinne. Egal wo man bislang schon gewesen ist, ganz gleich, welche Länder man bereist und welche Kulturen man erlebt hat: Rajasthan wird das alles toppen.

Es gibt hier Festungen und Forts, die aussehen, als seien sie geradewegs aus einem Abenteuerfilm der fünfziger Jahre gepurzelt. Stadtviertel, die nur aus Basaren zu bestehen scheinen, in denen sich Gewürze, Schmuck und Stoffe türmen. Mehr Farben, als man sich bislang ausmalen konnte, und mehr Gerüche und mehr Geräusche auch. Rajasthan ist ein Land der endlosen Horizonte und der weiten Himmel, aber auch eines voller Trubel und Lärm.

Traumhaft abenteuerlich!Reizüberflutung: Auf dem Sardar-Markt von Jodhpur fühlt man sich schnell, als habe man sich in ein Wimmelbild verirrt

Vor allem aber ist Rajasthan ein Indien, wie wir es uns als Kinder vorgestellt haben: ein Land der Tempel und Paläste, der Tiger und Maharadschas, der Schlangenbeschwörer und Affendressierer, ein Land zwischen Dschungelbuch und Indiana Jones.

Indiens nordwestlicher Bundesstaat ist beinahe so groß wie ganz Deutschland. Deswegen sollte man auch sich auch schon vor der Abreise einen recht genauen Plan machen, was man unbedingt sehen möchte: Jaipur beispielsweise. Jaipur, die Hauptstadt, die Prächtige, etwa 2,5 Millionen Einwohner mittlerweile und wie alle Städte Indiens aus allen Nähten platzend. Wer neu ist in diesem Land, empfindet Jaipur zuerst einmal als Schock - die ganze Stadt schmeißt sich an einen heran: Schau hierhin! Und jetzt hierher! Probier dies! Kauf das! Riech mal, ganz frisch! Einen Führer vielleicht? Ein Taxi?

Traumhaft abenteuerlich!Einladung zu einer märchenhaften Zeitreise: Am besten erkundet man Indiens nordwestliches Bundesland mit einem eigenen Chauffeur. Ob der allerdings tatsächlich mit einem Mercedes von 1939 vorfährt?

Und Sir, Sir, geben Sie mir ein paar Rupien, bitte, geben Sie mir! Jaipur bestürmt und verwirrt, es flirtet und erschreckt, es begeistert und macht nachdenklich. Vor allem aber verzaubert es.

Ich habe das nicht sofort gemerkt. Das Gefühl hat sich erst ganz allmählich eingestellt, am zweiten oder dritten Tag. Da waren die Sehenswürdigkeiten abgehakt, und bis zur Weiterfahrt blieben noch ein paar Stunden zum Schlendern. Es war einer jener Tage, an denen die Hitze wie ein fauchender Tiger über Jaipur herfällt und die ansonsten rastlose indische Welt sich etwas langsamer zu drehen scheint. Ein Glas pfefferscharfer Masala-Tee im Basar hatte Wunder für den Kreislauf gewirkt, und ein paar Minuten und Häuserecken später stand ich plötzlich vor dem Hawa Mahal.

Der Palast der Winde ist Wahrzeichen Jaipurs, ein gewaltiger Bau mit einer himmelstürmenden, erdbeereisfarbenen Fassade, an deren Fenstern früher die Frauen und Mätressen des Maharadschas das Treiben auf der Straße beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Die Palastmauer hatte die Hitze des Tages gespeichert, mit jedem Schritt auf sie zu schien es ein Grad wärmer zu werden. Dann aber stand ich direkt vor ihr, und plötzlich war da tatsächlich ein Windhauch. Ein kühler Windhauch. Zwei Schritte vor der Mauer war von ihm nichts zu spüren, zwei Schritte an sie heran strich er mir kühl übers Gesicht. Er trug den Duft von Orchideen heran, der Wind.

Es gibt Dinge in diesem Land, die man auf den ersten Blick nicht verstehen kann. Dinge, die Rajasthan nicht gern preisgibt. Und die wunderbar rätselhaft bleiben, solange man nicht wissenschaftlich über sie nachdenkt (beim Hawa Mahal erzeugt eine ausgetüftelte Bauweise kleine Luftwirbel). Das Spiel mit Mythen und Geheimnissen hat hier übrigens Tradition, damit haben die Maharadschas schon die Engländer bezirzt. Die ließen ihnen zwar nicht die Macht, wohl aber ihren unfassbaren Reichtum. Erst mit der Gründung der Republik Indien 1947 verloren die Großfürsten im Nordwesten ihren gottgleichen Status, unter Premierministerin Indira Gandhi Anfang der 1970er Jahre auch ihre letzten Einnahmequellen. Deshalb haben sie einige ihrer zahlreichen Paläste in Hotels umgewandelt.

Traumhaft abenteuerlich!Erdbeereisfarbenes Wahrzeichen: Durch die 953 Erker und Löcher des Hawa Mahal, des Palastes der Winde in Jaipur, warfen einst die Frauen und Mätressen des Maharadschas unbeobachtete Blicke auf die Außenwelt

Seitdem ist Wohnen wie ein Maharadscha hier nicht mehr nur ein geflügeltes Wort: Es lässt sich wirklich ausprobieren.

Und? Wie wohnt es sich dann so? Beim Maharadscha von Udaipur zum Beispiel, einem Mann, der seinen Stammbaum über 76 Generationen zurückverfolgen kann? Zuerst einmal sollte man auf dem Weg ins Zimmer ganz genau aufpassen, wie man später wieder rausfindet aus diesem Labyrinth aus Höfen, Fluren und Durchgangssälen, in denen durchaus kleinere Sportevents stattfinden könnten, oder auch eine Sondersitzung der UN.

In der bescheidenen Suite selbst sind bequeme Schuhe von Vorteil, die Distanz zwischen Bett und Badezimmer beispielsweise ist beträchtlich. Es gibt drei Sitzecken, mehrere Diwane und für die tägliche Korrespondenz zwei Sekretäre (natürlich kann man auch nach einem lebenden Sekretär klingeln). Langweilig wird es übrigens nie, weil ständig jemand klopft und neue Dinge bringt. Tee. Kaffee. Kleine Kekse. Sieben zusätzliche Kopfkissen. Vier Nackenstützen. Und morgens fünf verschiedene Tageszeitungen.

Traumhaft abenteuerlich!Dieser Pomp! Diese Aussicht! Dieser Luxus! Marmor! Gold! Kunstwerke! Und Zimmer, in denen man sich verlaufen kann: Wer einen Eindruck vom unvorstellbaren Reichtum der Herrscher Rajasthans bekommen möchte, sollte sich im Lake Palace Hotel in Udaipur einquartieren

Überhaupt scheint es in diesem Land von allem zu viel zu geben: Zu viele Paläste, zu viele Forts, zu viele Schals "100 % real Pashmina" und zu viele Brotsorten auf der Speisekarte. Selbst Rajasthans Frauen sind ... nein: nicht, dass es zu viele Frauen gäbe - bloß ist jede einzelne sehr viel Frau. Doch! Das ist so! Die da, die gerade aus dem Auto steigt: leuchtend gelber Sari, lackierte Nägel, Ringe an Fingern und Zehen, goldene Armreifen, goldene Fußfesselreifen, Diamanten in der Nase, Diamanten im Ohr, Lippenstift, Make-up, Halsketten mit diversen Anhängern und zum guten Schluss noch ein roter Punkt oben auf der Stirn. Ist das zu viel? Das ist zu viel!

Wenn die Sehnsucht nach weniger wächst, hilft eine Fahrt hinaus auf Land. Abseits der Städte, wo die alten Festungen der Rajputen in den Falten der Hügel liegen und die bonbonfarbenen Hindu-Tempel leuchtende Tupfer ins sonst allgegenwärtige Ocker setzen, wartet ein anderes Rajasthan. Im fahlen Licht des frühen Morgens tauchen Dörfer wie Erinnerungen aus feinem Nebel auf. Auf den Feldern ziehen weiße Ochsen ihre Pflugfurchen, Kinder schauen erstaunt und winken. Manchmal ist es, als ginge die Zeit nicht vorbei in diesem Land. Als sei sie irgendwann einmal stehengeblieben und schichte sich seitdem nur auf. Wie der Sand, den der Wind aus der Wüste in kleinen Wirbeln heran weht und irgendwo absetzt.

Traumhaft abenteuerlich!Mehr Farben, als man sich ausmalen kann: Rajasthans Frauen schmücken sich mit bunten Saris, Goldgeschmeide und starkem Make-up

Es sind auch diese Momente, die von Rajasthan in Erinnerung bleiben werden: die Lehmhäuser der Dörfer im ersten Licht des Morgens, die gewaltigen Festungen, die Pilger auf dem Weg zum Tempel. Wer einmal in Rajasthan war, wird nie vergessen, wie sich das anfühlt: Irgendwo in einem Hotelgarten zu sitzen, die Duftmelange aus Hibiskus und Koriander und Räucherstäbchen in der Nase, der warme Wind streicht samten über den Rücken und weit hinten am Horizont seilt sich eine glutrote Sonne über den Bergen ab. Dann sickert die Dämmerung durch die Bäume, und der Himmel erinnert für einige Momente an das Pink von Jaipur, bevor er karmesinrot und schließlich dunkelblau wird. Dann ist es Zeit zum Schlafen. Und zum Träumen.

 

Fotos: Goisque/Le Figaro/laif, Patitucci/Horner/Harrington/Harvey/Corbis, (4), Modrow/laif, mauritius images

 
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