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Lufthansa Highlights Kiew: Klitschkos Kiew

Der Sommer drückt seine letzte Schwüle durch die Straßen. Es ist heiß, nicht nur, weil die Röcke der Mädchen so unverschämt kurz sind. Kiew lächelt und der große Mann strahlt. "Ich bin Wladimir", sagt Wladimir und gibt dir die Hand, dass du froh bist, sie wiederzubekommen. Er ist ein freundlicher Mensch. Solltest du etwa geglaubt haben, Boxer seien tumbe Typen, die einen blutrünstig ins Koma prügeln, heute ist das alles vergessen. Vor dir steht ein kluger Hüne, der Bücher, Kunst, und gute Sitten kennt und seinen Doktor in Sport gemacht hat; er fragt sogar höflich, wie es dir geht.

Nur Kiew haut dich manchmal um, weil die Zukunft so hart auf die Vergangenheit trifft. Dann wirkt diese Stadt wie ein Schlag ins Gesicht. Gestern, bei der Militärübung, war es wieder so weit. Da rollten Panzer über den Chreschtschatik, die Prachtstraße von Kiew, auf der am Morgen noch die Porsches fuhren; und so mancher, der vielleicht vorher Maßanzug trug, schlug plötzlich als strammer Parteisoldat die Hacken zusammen. Handy am Ohr, Gewehr über der Schulter. Es roch nach Stolz, nach Trotz, nach altem Benzin, die lauten Ungetüme ließen die Gehwegplatten zittern, während sie an Plakaten von Prada vorbei schepperten und die Zuschauer zur Feier des Tages statt Hummersuppe Soljanka schlürften. Sogar der alte Lenin an der Tarasa Schewtschenka schien auf seinem Sockel zufrieden zu gucken.

Mehr als zwei Jahrzehnte ist es nun her, seit sich die Ukraine von Moskau befreite, und Wladimir Klitschko sagt: "Jetzt lebt Kiew sehr, sehr schnell." Er liebt seine Stadt, er schmeckt seine Heimat, aber große Sorgen macht ihm ihre Hast auch; das spürt er immer, wenn er von Florida oder Hamburg kommt, wo er sonst wohnt, und in Kiew seine Eltern besucht. Wieder ein neuer Wolkenkratzer, wieder ein neuer Supermarkt, wieder erst bauen und dann überlegen. "Das ist nicht gut", sagt Wladimir und schaut ernst.

Wir gehen. Gehen zurück in die Vergangenheit, ohne die Zukunft zu überholen. Er läuft in langen, ruhigen Schritten, als wolle er der eiligen Stadt trotzen. Aber was heißt schon ruhig? Mit Wladimir Klitschko ohne Aufsehen durch Kiew zu gehen ist genauso hoffnungslos wie für unsereins Nichtukrainer fehlerfrei einen Straßennamen wie Mychajlo Kocjubyns’koho auszusprechen. Kliiiiiiiiiitschkoooo! Immer und überall! Er ist Weltmeister im Schwergewicht, sein Bruder Vitali wollte hier Bürgermeister werden, und Wladimir ist ein sanfter, bescheidener Held, der kaum einer Handykamera entkommt.

Vor dem Michaelskloster bleiben wir stehen; zwei Mönche in schwarzen Kutten möchten gern mit ihm aufs Bild. Sie danken artig und segnen ihn, als er ihnen seinen mächtigen Rücken zudreht. "Früher war ich Kommunist, der Glaube kam später. Marx meinte ja, Religion ist Opium fürs Volk, und Onkel

Lenin wollte das auch nicht mit dem Beten", sagt Wladimir und legt einer alten Bettlerin ein paar Scheine in den rostigen Topf. Sie bekreuzigt sich und klaubt tattrig ein dickes Bündel heraus. Dem Himmel sei Dank! Es kam irgendwie von ganz weit oben, aus dem Schatten dieses netten Riesen. Gott hab ihn selig. Oder ist er es selbst?

Wladimir flüstert, als wir die Kirche betreten. Es duftet süßlich nach Weihrauch, er gibt uns eine Kerze, zündet sie an und steckt sie vor einer bunten Freske in den Ständer. Alles atmet Geborgenheit und Sehnsucht, die Lichter flackern bis in die hohe Kuppel. Eine Stille, die nach Ehrfurcht heischt und doch so trügt. Denn hier im Kloster wurde die Geschichte mit Füßen getreten. "Das kannst du wörtlich nehmen", sagt er. Für die Russen war alles historischer Müll, als Stalin in den dreißiger Jahren die Kirche verfolgte. Nur weg damit!

Nichts sollte daran erinnern, dass Kiew einmal die Mutter der russischen Städte war. Der Glockenturm wurde gesprengt, die Mosaike wurden rausgerissen, das Gold geschmolzen und ins Ausland verkauft, danach jagte man das ganze Gebäude in die Luft. Und dann hat man auf heiligem Boden einen Fußballplatz gebaut. "Fußball!", sagt Wladimier und geht hinaus, um heimlich seinen Ärger hinunterzuschlucken. Er zeigt mit den Fingern auf das Dach über dem blauen Portal. Dort thront der Erzengel Michael, seine goldenen Flügel gleißen in der Sonne. Der Schutzpatron der Stadt. Lange Zeit lag er im Staub eines dreckigen Hinterhofes, bis man ihn fand. Jetzt sieht er rein, fast unschuldig aus, aber der echte steht im Keller hinter Glas; der da oben ist nachgebildet worden wie alles hier. Das Kloster wurde seit 1996 wiederaufgebaut, geduldig holte sich Kiew Stein für Stein seine Geschichte zurück, und die Klitschkos spendeten viel Geld aus ihrer Stiftung.

Sie pressten eigenhändig Mosaiksteinchen in die frischen Wände, und als dann endlich die Weihe war, kamen sie zum Gottesdienst, um mit den Menschen die wunde Seele von Kiew zu streicheln. Sie wurden als Wohltäter bejubelt, die viel Gutes mit ihren Fäusten tun; die sich nicht nur für alte Kirchen starkmachen, sondern auch für den Kampf gegen Aids und Drogen. "Ich helfe, wo ich kann", sagt Wladimir, "weil Kiew in meinem Herzen ist." Er legt die Wurzeln seiner Heimat frei, dafür steht er auch schon mal in langen Messen herum. Sehr lange steht er da, weil die Orthodoxen keine Bänke haben.

Ein paar Jahre später kam er wieder, als man ihn brauchte. Nicht weit vom Kloster bestieg er ein Podest auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit, wo Freiheit noch mehr bedeutet, als um die Ecke einen McDonald’s zu haben. Nein, er blickte an einem stürmischen Tag im Herbst 2004 auf die brodelnde Wut eines Volkes; auf über 200 000 Menschen, die sich bei Frost die Nächte um die Ohren schlugen.

Von überall her waren sie nach Kiew gekommen, nichts war mehr wie vorher. Sie brüllten gegen einen Wahlbetrug an, sie stemmten sich gegen das Gefühl, für blöd gehalten zu werden. Sie klopften sich gegen die Brust und wollten stark sein. Lügner!, riefen sie, wir haben die Macht! Weil man ihnen weismachen wollte, dass Wiktor Juschtschenko mit 46,61 Prozent hinter dem Rivalen Wiktor Janukowitsch mit 49,46 Prozent liegen sollte. Tagelang schrien sie ihren Zorn heraus, hielten aus in dieser verdammten Kälte. Juschtschenko, ihr politischer Liebling, wurde schließlich zum Präsidenten erklärt, und auch Wladimir Klitschko hat sich sehr darüber gefreut.

Doch genug geredet, genug in alten Zeiten gewühlt. Jetzt geht es zum Essen auf den Dnepr, den breiten Fluss der Stadt; an manchen Stellen ist er so breit, dass er dort das Kiewer Meer heißt. Auf dem Weg dorthin klingelt das Telefon, wie so oft an diesem Tag. Wladimirs Stimme senkt sich, klingt streng. "Mein Gold ist weg", sagt er, "aber ich will es wiederhaben." Vor einigen Jahren hat Klitschko, der Olympiasieger von 1996, einem Sportmuseum in Kiew seine Medaille ausgeliehen. Nun hat es dichtgemacht, und die Trophäe ist verschwunden. Wieder so eine Geschichte, in der ihm die Vergangenheit entgegen prallt. Am Khutorok halten wir an, einem Lokal mit ukrainischer Küche. Es liegt an einer Uferstraße, deren Namen man keinem Taxifahrer nennen möchte: Naberezhno-Khreschatitskaya Vul.

Von dort aus starten wir mit einem kleinen Schiff über den Dnepr. In einer Ecke mit Holzstühlen wird serviert, Wladimir gefällt sich als Gastgeber. Er lässt kommen, was Kiews Töpfe hergeben, das Ganze würde für eine Hochzeitgesellschaft reichen: Borschtsch, eine Gemüsesuppe mit Roter Beete. Scharkoe, ein Braten aus dem Topf. Salo, der Schweinespeck, und Blinis, diese zusammengerollten Pfannkuchen, auf die du ohne schlechtes Gewissen Kaviar streichst. Dazu gibt es Kwas, einen Brottrunk aus Roggen und Malz; und einen Vortrag von Wladimir, warum Wodka vor dem Mahl die Zunge säubert. Er nippt nur kurz und wünscht uns gute Gesundheit.

Das Schiff schaukelt in der Sonne übers glitzernde Wasser, und auch wenn du dich bei dieser fettigen Kost schon auf ein deutsches Bier und grünen Salat am Abend freust, niemals würdest du es ihm sagen: Erstens wäre er beleidigt, und zweitens widerspricht man auch einem netten Boxer nicht. Nicht fragen, ruft er, trinken, essen! Wir trinken und, na ja, essen, bis das Schiff anlegt. Dann kommt der Anruf. Das Gold ist da. Wenigstens für heute hat sich Wladimir Klitschko mit Kiew versöhnt.

 
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