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Venedig - Heimliches Wachstum

Natürlich kennt die man Kanäle, Brücken, Paläste Venedigs. Aber wer weiß schon von den Gärten der Lagunenstadt? Viele dieser 500 Grünanlagen gedeihen fast im Verborgenen - und sind dabei wunderschön

 
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Heimliches Wachstum

Ein schwülwarmer Sommertag in Venedig. Cinzia hat sich ein schattiges Plätzchen im Garten gesucht. Sie sitzt unter einem üppig blühenden Oleander, der Duft der rosa Blüten vermischt sich mit dem salzigen Aroma des Meeres. Hebt sie die Augen von ihrem Zeichenblock, dann blickt sie über ein jahrhundertealtes Steinmäuerchen hinweg auf die Südlagune Venedigs, zu den kleinen Inseln La Grazia, San Servolo und San Clemente bis zum lang gestreckten Lido.

Sie studiert an der Universitá Internazionale dell'Arte mit Sitz in der prächtigen Villa Heriott, einem ochsenblutfarbenen Palazzo auf der Insel Giudecca, der in einem wildromantischen Park zwischen hohen Zypressen und Kletterrosen direkt am Wasser steht. Die Studentin ist nicht allein - Kommilitonen sitzen einzeln oder in Gruppen im Gras, zwei junge Mütter haben ihre Kinderwagen unter einem ausladenden Lorbeerbaum geparkt. Touristen sind nicht zu sehen.

"Fremde kommen so gut wie nie hierher", sagt Cinzia, die jeden Morgen mit dem Vaporetto vom überfüllten Stadtteil San Marco auf die stille Insel Giudecca fährt, "der Palazzo ist in keinem Reiseführer verzeichnet, der Garten nur Einheimischen bekannt."

Das ist keine Ausnahme. Venedig hat rund 500 Gärten, die meisten davon sind gut verborgen und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Es gibt die prächtigen Parkanlagen antiker Adelspaläste, die begrünten Innenhöfe von Regierungsgebäuden und Ministerien, öffentliche Gärten wie die der Biennale und abgeschiedene wie jene der Klöster mit ihren liebevoll gepflegten Obst- und Gemüseanlagen.

Padre Adriano ist Pfarrer in der imposanten Basilika, die zum Kloster San Francesco della Vigna gehört. Die Anlage ist fast 800 Jahre alt, ihr Garten ebenso. "Aber wir haben erst vor wenigen Jahren etwas Ordnung geschaffen", erzählt der Geistliche, der hier seit mehr als zwei Jahrzehnten seinen Dienst versieht, "früher gab es nur Trauben, die von meinen Vorgängern zu Wein verarbeitet wurden." Damals war der Weingarten der größte in Venedig. Das verpflichtet. Bis heute wird Wein produziert, vor allem weißer, aber auch ein wenig roter, ausnahmslos zum eigenen Konsum.

Heimliches WachstumDer Garten des 800 Jahre alten Klosters San Francesco della Vigna: Traditionell wurde hier nur Wein angebaut, jetzt versorgen sich die Mönche auch mit selbst gezogenem Obst und Gemüse

Neben den Reben wachsen jetzt aber auch Tomaten und Zucchini, Zwiebeln und Knoblauch, Salat, Bohnen und Paprika sowie Feigen, Äpfel, Pflaumen und Pfirsiche - alles für die hauseigene Klosterküche. Vieles wurde aus kulinarischen Gründen angepflanzt, manches auch wegen religiöser Symbolik: Olivenbäume stehen für Frieden und Barmherzigkeit, Granatapfelbäume verweisen auf Leben und Tod, Mispeln sollen die Dunkelheit vertreiben. Die Köchin erntet gerade die satt grünen Basilikumpflanzen ab. "Bestimmt gibt es heute Abend Pasta mit frisch gemachtem Pesto", sagt Pfarrer Adriano und lächelt.

Der Garten wird von rund 10 Katzen bewohnt und von zwei pensionierten Herren gepflegt.

Heimliches Wachstum"Wir haben erst vor wenigen Jahren etwas Ordnung geschaffen", sagt Padre Ariano, Pfarrer in der zu San Francesco della Vigna gehörenden Basilika. Jetzt wird der Garten von zwei pensionierten Herren gepflegt - und von 10 Katzen bewohnt

Durch einen bogenförmigen Durchbruch der hohen Gartenmauer plätschert Meerwasser, früher einmal konnten die Geistlichen mit der Gondel vorfahren.

Doch die Lagune steigt, längst würde kein Boot mehr durch die Öffnung passen, und überhaupt: "Wissen Sie, was Gondeln heute kosten?", fragt Padre Adriano. Also gehen die zehn hier lebenden Franziskanermönche zu Fuß, wenn sie mal für Besuche oder Besorgungen "in die Stadt" müssen.

Denn rund um das Kloster, das sich in der nördlichsten Ecke des dicht besiedelten Viertels Castello befindet, gibt es nichts. Selbst an der nächstgelegenen Vaporetto-Station Celestia sucht man vergebens nach einem Café oder Kiosk.

Von solch himmlischer Ruhe kann Contessa Anna Barnabá nur träumen. Ihr Palazzo ist so alt wie das Kloster, doch er wurde von einer der einflussreichsten Familien der Stadt direkt am Canal Grande errichtet, und sein Garten diente als Kulisse für prächtige Empfänge - es heißt, dass sogar Giacomo Casanova einige Jahre seines Lebens hier verbrachte.

Heimliches WachstumBereits Giacomo Casanova soll hier gelustwandelt sein. Der Garten des Palazzo Barnabá am Canal Grande diente schon immer als Kulisse für prächtige Empfänge

Die Barnabás erwarben den Palazzo im späten 19. Jahrhundert, und die blonde Gräfin heiratete vor gut 20 Jahren in die Familie ein. Seitdem bewohnt sie die zweite Etage von Palazzo Cappello Malipiero Barnabá, inklusive eines gut 200 Quadratmeter großen und über zehn Meter hohen Salons, mit einem Murano-Kristallglaslüster, der locker die Formate des größten aller Wagenräder sprengt.

Das meiste bereitet ihr hier zwar Kopfzerbrechen - die Heizung, die Reparaturen, die Personalkosten. Doch zwei gute Gründe halten die einst reiselustige Contessa in ihrem Palazzo: ihre beiden Katzen und ein fantastischer Garten. "Als ich hier ankam, hatte ich keine Ahnung von Gärten und Blumen", erzählt sie "doch ich hatte schon immer ein gutes Farbgespür." Heute harmonieren die unterschiedlichsten Rosatöne der Kamelien, Hortensien und Oleander mit den extravaganten Blauschattierungen der Iris. In einem Steinbecken blüht ein Schneeteppich aus winzigen weißen Rosen und im Neptun-Brunnen aus dem 18. Jahrhundert schwimmen blassrosa Seerosen. Duftender Jasmin rankt die Mauern empor, und in den geometrisch angeordneten Blumenbeeten stehen alte Rosensorten wie die Blue Moon oder die Salet.

Heimliches WachstumVorgärten der etwas anderen Art: Selbst wer am Haus nicht mehr über ein größeres Grundstück verfügt, muss auf saftiges Grün nicht verzichten - und lässt dann die Mauern des eigenen Anwesen bewachsen

20 000 Euro hat sie im vergangenen Jahr die Neuanpflanzung des Gartens gekostet, nachdem ihr damaliger Gärtner mit zu viel Kunstdünger Gras und Rosen ruiniert hatte. "Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Aufwand das war: Jeder Sack Erde musste mit dem Boot angeliefert werden", sagt sie und ärgert sich noch heute. Inzwischen hat sie einen neuen Gärtner und einen Garten, auf den sie stolz ist. Feste werden hier immer noch gefeiert. Wenn Anna Barnabá nicht selber ein paar Freunde zur Gartenparty bittet, dann macht es der französische Milliardär und Unternehmer Francois Pinault, dem der prächtige Palazzo Grassi gleich nebenan gehört; und der die Vernissagen seiner Kunstausstellungen gern mit einem gesetzten Dinner im Garten der Nachbarin feiert.

Wer auch ohne exklusive Einladung in einem eleganten Garten speisen möchte, kann das im Hotelrestaurant des Bauer Palladio Hotel & Spa auf der Giudecca tun.

Der Inselableger des berühmten Hotels Bauer in San Marco ist erst ein paar Jahre alt, doch er liegt in den historischen Mauern einer Klosteranlage. Renaissance-Baumeister Andrea Palladio hat sie im frühen 16. Jahrhundert gebaut und mit einer großzügigen Grünanlage versehen.

"Leider waren Gebäude und Garten mehr als 100 Jahre verlassen und völlig verwahrlost", sagt die Bauer-Präsidentin und Geschäftsführerin Francesca Bortolotto Possati, "es war ziemlich teuer und zeitintensiv, das Ganze wieder in Ordnung zu bringen. Heute kümmert sich Giuseppe Rallo, Venedigs wohl bekanntester Landschaftsarchitekt, um die Instandsetzung des historischen Gartens. Er baute eine Pergola und bestückte sie mit Weinreben und Rosen, pflanzte Kirsch- und Granatapfelbäume, lila Lavendel-, Perovskia- und Veronica-Büsche, rosafarbene Budleias und Taglilien.

Die großzügige Grünfläche ist in Zonen mit hohem und niedrigem Gras aufgeteilt und so geometrisch gestaltet. "Aber das hohe Gras hat auch einen Sinn", erklärt Giuseppe Rallo, "es soll Besucher davon abhalten, zu nah an bestimmte Pflanzen zu kommen, etwa an den 300 bis 400 Jahre alten Olivenbaum oder die Pinie, die sich im ewigen Wind der Lagune geneigt hat und jetzt fast flach auch dem Boden liegt." Dass die alte Baumsubstanz und das historische Layout des Gartens erhalten oder wiederhergestellt werden müssen, ist für ihn selbstverständlich.

Heimliches WachstumGruppenbild mit Blumen: So manche venezianische Hauswand könnte auch als Inspiration für ein malerisches Stillleben dienen

Gut zu sehen ist dieses Bestreben in einem anderen Garten Venedigs: im Hof des Palazzo Soranzo Cappello, einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Dort, nahe dem Bahnhof, residiert das Ministerium für Landschaft und Architektur Venetiens. Architekt Rallo hat hier sein Büro, denn neben privaten Auftraggebern berät er auch diese staatliche Instanz.

Den Palastgarten hat er vor ein paar Jahren in rund sechs Monaten für etwa 70 000 Euro von Grund auf renoviert. "Ich habe den existierenden Baumbestand erhalten, Elemente der traditionellen venezianischen Gartengestaltung aufgenommen und versucht, die Atmosphäre, die in den Romanen von Gabriele D'Annunzio und Henry James beschrieben wird, wiederaufleben zu lassen", erklärt Giuseppe Rallo, "denn beide Schriftsteller haben in genau diesem Garten ein paar romantische Rendezvous stattfinden lassen."


Heimliches WachstumPalastgarten mit Geschichte: Vor dem Palazzo Soranzo Cappello aus dem 17. Jahrhundert ließen die Schriftsteller Gabriele D'Annunzio und Henry James einige literarische Liebesgeschichten zwischen altertümlichen Statuen und seltenen Rosen spielen

Die Romantik ist zwischen Lilien, Klatschmohn, Iris und Jasmin sowie seltenen und intensiv duftenden Rosensorten wie Dorothy Perkins, Felicitá et Perpetue, AdelaIDe d'Orleans oder New Dawn leicht zu erspüren. Altertümliche Statuen von römischen Kaisern, eine antike Loggia und verwitterte Terracottatöpfe mit zarten Zitrusbäumchen verstärken den verwunschenen Effekt.

Die Sonne bricht nur zaghaft zwischen den hohen Baumwipfeln hindurch, Katzen streifen träge durch das weiche Gras, in der Ferne läuten die Glocken eines Kirchturms. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein, mitten in einem wunderbaren Traum, aus dem man bloß nicht zu schnell geweckt werden will.

 
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Tipps:

Fondazione Querini Stampalia, Campo Santa Maria Formosa, Castello:
Kleiner, aber kunstvoll angelegter Hofgarten mit antiken Skulpturen und einer mächtigen Magnolie. Die Anlage wurde vom Architekten Carlo Scarpa gestaltet, er ließ den geometrischen Wasserlauf mit Seerosen und den quadratischen Metallbrun nen bauen. Papyruspflanzen weisen auf die wunderbare öffentliche Bibliothek, die sich im ersten Stock des Palazzo befindet. Nettes Café mit Gartenterrasse.

Giardini Pubblici di Castello (Biennale-Gärten), Vaporetto- Station Giardini:
Weitläufige Parkanlage mit altem Baumbestand direkt an der Lagune. Ein Teil davon wird von den Pavillons der Kunst-Biennale besetzt.

Teatrino Groggia, Sant’Alvise, Cannaregio:
Stille, intime Parkanlage, die bevorzugt von jungen Müttern mit Kindern genutzt wird. Schöner alter Baumbestand, unter anderem ein gigantischer und früchtetragender Feigenbaum. Im Garten steht ein kleines Theater, in dem abends Aufführungen gezeigt werden.

Giardino Savorgnan, Fondamenta Savorgnan, Cannaregio:
Öffentliche Parkanlage mit über 200 alten Bäumen und bequemen Parkbänken. Im Hintergrund steht der prächtige (nicht öffentliche) Palazzo Savorgnan.

Giardino Rizzo Patarol (Boscolo Hotel dei Dogi), Fondamenta Madonna dell’Orto, Cannaregio:
Der prächtige und sehr gepflegte Garten wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts angelegt und gehört heute zu einem luxuriösen Hotel. Die Hotelbesitzerin ließ ihn vor einigen Jahren komplett nach historischen Vorlagen renovieren, so dass er heute in alter Pracht erblüht.

Peggy Guggenheim Collection, Palazzo Vernier dei Leoni, Dorsoduro
Der Garten der Villa, die von der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim bis 1979 bewohnt wurde und in der heute ein Museum eingerichtet ist, wird weniger wegen seiner Pflanzen als wegen seiner Skulpturen besucht. Die hohen Birken, Zypressen, Magnolien und Ahornbäume sind dennoch sehenswert, in einer Ecke steht der "Wish Tree“, ein Olivenbaum, den Yoko Ono "to Peggy with love“ schenkte.

 

Fotos: Martin Nink

 
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