Thema des Monats - Architektur

 

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Mailand - Palladio privat

Vor einem halben Jahrtausend wurde er geboren und war einer der größten Architekten aller Zeiten: Die oberitalienischen Paläste und Villen von Andrea Palladio sind ein beliebtes Ziel von Architekturreisen. Und für manche Menschen sogar ein mehr oder weniger alltägliches Zuhause

 
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Palladio privat

Es gibt Häuser, die mehr sind als ein Bauwerk mit Mauern drum herum. "Als ich beschloss, in dieses Haus zu ziehen, meinten viele meiner Freunde, es gebe dort eine besondere Magie", erzählt der Mailänder Unternehmensberater Christian Malinverni, der seit 1997 in der grandiosen Villa Godi Malinverni unweit von Vicenza lebt. "Ich war skeptisch, ich glaube nicht an so etwas. Allerdings muss ich zugeben: Dieser Ort ist ungewöhnlich. Das mag an der Luft liegen oder am Wasser. Jedenfalls überleben meine Begonien den Winter problemlos im Freien. Mein Gärtner findet das normal, aber mein Mailänder Blumenhändler hat gelacht, als ich ihm davon erzählte."

Es gibt aber auch Menschen, die sich wundern, dass Malinverni in der Villa überwintert. Dazu muss man wissen: Die Villa Godi Malinverni ist ein Frühwerk von Andrea Palladio, dem Stararchitekten der italienischen Renaissance. Sie wurde um 1540 errichtet, die Wohnfläche beträgt 12 000 Quadratmeter, die Decken sind bis zu neun Meter hoch. Und es gibt kaum ein Stück Wand, das nicht mit Fresken bedeckt wäre.


Palladio privatDie Salons mit den vielen Fresken haben eine Deckenhöhe von bis zu neun Metern

Andrea Palladio war kein Freund von falsch verstandener Bescheidenheit. Mit über 30 Jahren reiste er von seinem Wohnort Vicenza nach Rom und verliebte sich in den Pantheon: Genau so, nur etwas moderner, möchte er bauen! Heute, beinahe 500 Jahre später, weiß man, dass dies nicht das Hirngespinst eines Größenwahnsinnigen war. Weil es Auftraggeber gab: den Prälaten Paolo Almerico zum Beispiel, der nach einer brillanten Karriere im Vatikan in seine Heimatstadt Vicenza zurückgekehrt war und das Landleben liebte.

Er wünschte sich eine Villa von durchaus päpstlichem Format. So entwarf Andrea Palladio ab etwa 1566 den Monumentalbau La Rotonda. Von Weitem sichtbar steht er in der sanften Hügellandschaft vor den Toren Vicenzas. Weder Architekt noch Bauherr erlebten die Vollendung der Villa nach über 40- jähriger Bauarbeit. Nach wechselvoller Geschichte wurde sie schließlich 1909, vernachlässigt und verlassen, von der venezianischen Familie der Valmarana erworben. "Meine Großmutter war mit Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal befreundet", sagt Conte Ludovico di Valmarana, "sie schickte die beiden vor, um die Villa zu besichtigen. Erst als sie begeistert aus Vicenza zurückkamen, kaufte sie das Gebäude."

Heute bewohnt Conte Ludovico mit seiner Frau und den Familien seiner beiden Söhne die Rotonda. Doch nur im Sommer, wenn es draußen heiß und in der Villa angenehm kühl ist. Im Winter würde man dort erfrieren, denn Heizungen gibt es nicht - und wird es auch nicht geben: "Warme Luft schadet den Fresken", sagt der betagte Graf.

Immerhin ließ er Leitungen für Strom und Wasser installieren, richtete Bäder ein und zeigt stolz die Küche, die er mit einem Holzkohleofen, einem steinernen Abwaschbecken und fließendem Wasser für seine Köchin brauchbar machte. Brauchbar für den Genuss. Man kann sich schließlich gut vorstellen, wie hier der Nudelteig auf dem großen Küchentisch ausgerollt wird und der Braten im Ofen schmort. Um den Esstisch im Speisesaal passen locker zwölf Personen; wenn es mehr sind, wird eine lange Tafel unter die zentrale Kuppel oder auf die Loggia im Freien gestellt. "Wir leben gern in der Villa", sagt Conte Ludovico, "es macht Spaß, im Sommer Freunde und Gäste zu empfangen."

Zahlende Gäste dürfen die Villa nur von außen sehen, aber auch das nicht immer. Da ist der Conte unnachgiebig: "Es ist schließlich unser Zuhause", sagt er streng.

Palladio privatLa Rotonda gilt als architektonisches Denkmal, das sogar die Baumeister des Weißen Hauses in Washington inspirierte. Zu besichtigen ist es aber nur von außen

Trotzdem stehen jedes Jahr bis zu 50 000 Besucher vor dem Tor zum Park und bitten um Einlass. La Rotonda ist ein architektonisches Denkmal, das unzähligen Bauten als Vorlage diente, unter anderem dem Weißen Haus in Washington und der Villa eines palästinensischen Milliardärs, der jüngst eine Kopie davon auf eine grüne Bergkuppe bei Nablus stellte.

Wer war dieser Palladio? "Ein Genie", findet die Künstlerin Manuela Bedeschi, die mit ihrem Mann die Villa Pisani Bonetti bewohnt; ebenfalls nur im Sommer, im Winter lebt das Paar in Verona. Sie sitzt vor dem gigantischen Kamin der palladianischen Küche an einem Holztisch, der so alt ist wie die Villa selbst.

Palladio privatDie Villa Pisani Bonetti erstrahlt nach umfangreichen Renovierungen wieder in altem Glanz

Die großzügigen Räumlichkeiten nutzt sie auch, um Kunstausstellungen zu veranstalten. Gewohnt wird im Obergeschoss, im ausgebauten ehemaligen Kornspeicher, in den Salons und auf der herrlichen Loggia. Bedeschi liebt das Anwesen: "Es ist ein Haus, wissen Sie? Kein Palast, und es ist relativ einfach zu unterhalten. Palladio hat wohl sogar an die Putzfrauen gedacht."

Palladio privatKunst und Kunstausstellungen spielen im Alltag der Villa Pisani Bonetti eine bedeutende Rolle

Andrea Palladio wurde am 30. November 1508 in Padua geboren und hat viele Jahre in Vicenza gelebt.

Über 20 Palladio-Paläste, -Kirchen und -Arkaden stehen allein in der Altstadt, weswegen Vicenza 1994 in die Liste der Kulturdenkmäler der Unesco aufgenommen wurde.

Der Corso Andrea Palladio ist die Herzschlagader der Innenstadt, hier sind die Läden von Max Mara, Armani und Benetton zwischen Eisdielen, Apotheken und Cafés zu finden. Für eine Pause bietet sich die altmodische Pasticceria Sorará an der Piazzetta Palladio an. Dort gibt es einen guten Cappuccino und noch bessere Torten, von der Terrasse genießt man den Blick auf eine imposante Palladio-Statue und auf die gigantische Basilika, auch dies ein Entwurf vom Meister.

"Wissen Sie", sagt der Unternehmensberater Christian Malinverni, "Palladio war nicht so verrückt, Villen zu bauen, die einen Haufen Geld verschlingen." Ursprünglich waren fast alle seine Anwesen mit Landwirtschaft kombiniert, die dazu diente, den Unterhalt der Villa und der Menschen, die darin lebten, zu gewährleisten. Das geht heute nicht mehr. "Zu teuer", sagt Malinverni, "man muss eine andere Strategie finden, um den Erhalt der Villa zu finanzieren."

Er vermietet die prächtige Eingangshalle, die Salonfluchten und den Garten an Hochzeitsgesellschaften oder Unternehmen, die hier Empfänge, Konferenzen und Präsentationen abhalten.

Palladio privatHausbesuche erwünscht: Die um 1540 errichtete Villa Godi Malinverni nahe Vicenza ist zu besichtigen

Die 22 Hausangestellten haben nicht schlecht zu tun. "Es gibt immer ein Problem. Es ist ein 24-Stunden-Job, den Betrieb in dieser Villa am Laufen zu halten", sagt eine der Damen.

Die fünfjährige Ludovica Malinverni merkt davon nichts. Sie wohnt mit ihren Eltern in einem modern ausgebauten Seitentrakt der Villa und freut sich, wenn Papa zu ihrem Geburtstag eine große Leinwand in einen der Salons hängt, damit sie dort mit ihren Freundinnen einen Disney-Film sehen kann. Sie kennt alle fünf Gärtner mit Namen und weiß, dass sie lange suchen muss, bevor sie ihre irgendwo abgestellten Schuhe wiederfindet. "Man gewöhnt sich daran, so zu leben", sagt Christian Malinverni, "ich wollte es ja so."

Palladio privatÜber 400 Jahre Geschichte haben die Fassaden der Villa mit einer dekorativen Patina überzogen

Letztlich hat sein Großvater, der das Anwesen 1960 für 300 Millionen alter Lire (rund 160 000 Euro) erwarb, ein gutes Geschäft gemacht. Obwohl die jahrelangen Renovierungsarbeiten gut das Dreifache der Kaufsumme verschlangen. Inzwischen wurden Christian Malinverni bereits 30 bis 40 Millionen Euro für die Villa geboten. Verkaufen aber will er nicht. Es liegt eben doch eine besondere Magie an diesem Ort.

 
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Tipps:

Villa Almerico Capra Valmarana "La Rotonda":
Die wohl bekannteste und schönste unter den Palladio-Villen steht zwei Kilometer außerhalb Vicenzas auf einem Hügel an der sogenannten Riviera Berica. Mit ihren Symmetrien und Säulen ist sie ein gutes Beispiel für Palladios hohe Baukunst.

Info:
Via della Rotonda 45, Vicenza, Tel. +39-444/32 17 93. Nur von außen zu besichtigen

Villa Angarano Bianchi Michiel:
Die Residenz des Grafen Giacomo Angarano steht bei Bassano del Grappa. Leider wurde später einiges an der Villa verändert, doch die zwei L-förmigen "Barchesse“ mit Säulen sind noch im Originalzustand von 1548.


Info:
Via Corte 41, Sant’Eusebio - Bassano del Grappa. Nur von außen zu besichtigen

Villa Caldogno:
Diese Villa wurde um 1545 errichtet und gehört der Provinz von Vicenza. Sie wird für Kunstausstellungen genutzt und ist mit herrlichen Fresken versehen. Im Untergeschoss befindet sich eine gut sortierte Bibliothek, in der es auch viel zum Thema Palladio gibt.


Info:
Via Zanella 3, Caldogno, Tel. +39-444/90 50 54, geöffnet freitags 15 bis 18 Uhr, samstags 9 bis 12 Uhr

Villa Godi Malinverni:
Es heißt, dies sei die erste Villa von Palladio, ihr Bau geht etwa auf das Jahr 1540 zurück. Villa Malinverni beherbergt auch eine Gemälde- und eine Fossilien-Sammlung, in der Pinakothek sind italienische Kunstwerke aus dem 19. Jahrhundert zu sehen. Fast das gesamte Mobiliar stammt aus der Palladio-Zeit.

Info:
Via Palladio 44, Lonego – Lugo di Vicenza, Tel. +39-445/86 05 61, www.villagodi.com, geöffnet von Oktober bis März jeweils am Dienstag, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr und von Juni bis September am Dienstag 15 bis 19 Uhr, am Sa 9 bis 14 Uhr und am Sonntag 10 bis 19 Uhr

Villa Pisani Bonetti:
Die Villa war jahrelang dem Verfall ausgesetzt und wurde erst in den vergangenen Jahren sorgfältig restauriert. Heute wird sie von ihren Besitzern für Kunstausstellungen genutzt, im schönen Garten finden stimmungsvolle Vernissagen statt.

Info:
Via Risaie 1, Bagnolo di Lonigo, Tel. +39-444/83 11 04, www.villapisani.net, geöffnet ganzjährig nach telefonischer Voranmeldung

Villa Poiana:
Sie wurde um 1550 erbaut und gehörte damals dem Adelsgeschlecht der Paltinieri, die darin aber nicht wohnten, sondern sie als Verwaltungsgebäude für ihre Ländereien benutzten. Noch heute steht sie am Rande eines vicentinischen Landguts und gilt als besonders gelungener Bau des Architekten. Sie ist unbewohnt und wird für Veranstaltungen genutzt.

Info:
Via Castello 43, Poiana Maggiore, Tel. +39-444/89 85 54, www.villapoiana.it, im Sommer geöffnet am Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 10 bis 13 und 14 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr (im Winter nur nach telefonischer Voranmeldung)

 

Fotos: Martin Nink

 
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